Gott danken

Wort zum Tage
Gott danken
26.07.2021 - 06:20
Sendung zum Nachhören
Feedback zur Sendung? Hier geht's zur Umfrage! 
Sendung zum Nachlesen

Ich lernte ihn in einer Kur kennen. Er war Konstrukteur bei einer großen Automobilfabrik und hatte schon so manche technische Neuerung auf den Weg gebracht, die das Autofahren be-quemer macht. Eines Tages sagte er mir: „Weißt du, ich habe mir alles selbst erarbeitet. Ich habe niemandem zu danken. Mir wurde nichts geschenkt.“ Ich wusste natürlich, dass er damit seine Karriere als Konstrukteur meinte, die tatsächlich von seinem Können und seinem Fleiß herrührte. Aber ich spürte einen gewissen Hochmut, der mir nicht gefiel. Deshalb wollte ich dem Gespräch eine andere Richtung geben. Also widersprach ich: „Das stimmt nicht!“ Fra-gend hob er die Augenbrauen: „Wie meinst du das?“ „Zum Beispiel hast du dir das Leben nicht selbst geschenkt.“  „Da hast du natürlich recht.“  „Auch deine Intelligenz hast du nicht selbst geschaffen, du hast sie geschenkt bekommen.“ Wieder stimmte er zu. Ich bohrte weiter. „Und du bist in einem reichen Land geboren worden und hast jede Menge Möglichkeiten wahrnehmen können. Dabei hättest du genauso in einem Elendsviertel in Mumbai geboren werden können.“ Auch das gab er zu. „Du genießt doch auch die Natur, den weiten Himmel, den klaren Bergseen. Und du bewunderst große Bauwerke: den Bamberger Dom zu Beispiel. Hast du es dir selbst zuzuschreiben, dass dir das alles so gut gefällt, ja, dass es das alles über-haupt gibt? Und schau in den Spiegel. Da siehst du dich und dein Gesicht.  Wurde es dir nicht geschenkt, ein Mensch zu sein?“ Ich merkte, wie nun ich selbst hochmütig wurde. Doch es war nicht meine Absicht, ihn in die Enge zu treiben. Worauf es mir ankam und bis heute ankommt in einem solchen Gespräch, ist der Glaube, den der Apostel Paulus so formuliert: „Was hast du, das du nicht empfangen hast?“ Die wesentlichen Voraussetzungen für das, was wir können, sind und haben, sind Gaben, über die wir selbst nicht bestimmen, Geschenke, die uns mit Freude erfüllen können. Matthias Claudius hat dazu ein wunderbares Gedicht geschrieben:

Ich danke Gott, und freue mich
         Wie's Kind zur Weihnachtsgabe,
Dass ich bin, bin! Und dass ich dich,
         Schön menschlich Antlitz! habe; 
Dass ich die Sonne, Berg und Meer,
         Und Laub und Gras kann sehen,
Und abends unterm Sternenheer
         Und lieben Monde gehen…

Dieses Gedicht überschrieb Claudius mit den Worten: „Täglich zu singen“. Tatsächlich sollte es keinen Tag geben, an dem ich das vergesse: Was hast Du, das du nicht empfangen hast?!
 

Es gilt das gesprochene Wort.