Gott lieben

Wort zum Tage
Gott lieben
30.07.2021 - 06:20
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Eines der für mich schönsten und vollkommensten Liebesgedichte stammt von Johann Wolfgang von Goethe.  Es lautet:

 

Freudvoll

Und leidvoll,

Gedankenvoll sein,

Langen

Und bangen

In schwebender Pein,

Himmelhoch jauchzend,

Zum Tode betrübt;

Glücklich allein

Ist die Seele, die liebt.“

 

In diesen 23 Worten sind alle Höhen und Tiefen einer liebenden Seele eingefangen. Diese Liebe ist nicht machbar. Sie überfällt einen Menschen wie der Tod. So jedenfalls sieht es ein Text aus der Bibel. Im Hohenlied heißt es: „Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich.“ Besonders eindringlich erscheint mir das in der sogenannten Amour fou, einer verrückten, aber unausweichlichen Liebe zwischen zwei Menschen, die nicht zueinander passen. Sie können nichts dagegen tun. Sie sind ihr ausgeliefert, auf Leben und Sterben. Ist das die Liebe, die Gott bei den Menschen sucht? Das jüdische Grundwort, bestätigt von Jesus Christus, lautet: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft.“ Umfassend soll die Liebe zu Gott sein und alle Kräfte des Menschen beanspruchen. Es soll eine Liebe auf Gedeih und Verderb sein.  Ist das überhaupt möglich? Ich glaube nicht. Weil Liebe nur frei entstehen kann, kann man sie nicht befehlen. Es muss sich deshalb niemand quälen. Im Leben von Tag zu Tag sind Überschwang und Ekstase wohl auch kaum möglich. Was aber möglich ist: Offen dafür sein, dass die Liebe zu Gott im eigenen Glauben und Empfinden wächst. Denn sie ist kein Zustand, sondern sie wird wie ein Samenkorn in unser Leben gesetzt und kann dort wachsen und sich entfalten, auch wenn es vielleicht eine stille, ruhige Liebe ist. Sie kann auch dann das Denken, Reden und Handeln bestimmen. Denn das ist auch möglich: die Werke der Liebe zu tun auf die Hoffnung hin, dass Liebe dabei aufkeimt. Die Frage nur ist: Warum soll ich Gott lieben? Ruht er nicht in sich selbst? Ist er nicht unabhängig von jeder Macht dieser Welt, sogar von der Liebesmacht? Gewiss. Aber „Gott bittet uns, ihn zu lieben, nicht weil er unsere Liebe zu ihm braucht, sondern weil wir unsere Liebe zu ihm brauchen.“ So sagt es der Schriftsteller Franz Werfel. Die Liebe zu Gott, und sei sie klein wie ein Senfkorn, ist dann das Motiv allen Langens und Bangens in seliger Pein, sie lässt mich himmelhoch jauchzen und zu Tode betrübt sein. Sie ist das Geschenk, das einem Leben eine neue, überraschende Perspektive zu geben vermag.

Es gilt das gesprochene Wort.