Gott sehen

Wort zum Tage
Gott sehen
16.07.2021 - 06:20
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Ich mag das alte Medium Telefon, zunehmend in den letzten Monaten. Telefonieren schafft trotz der räumlichen Distanz eine besondere Nähe. Die Gesprächspartner sitzen im Gespräch sozusagen ‚im Ohr des Anderen‘. Dieses Medium schafft etwas Kostbares: Es reduziert die Sinneseindrücke auf einen einzigen, den Hör-Sinn. Alle anderen Sinne können entspannen. Vor allem der Seh-Sinn, der sonst permanent in persönlichen Gesprächen gebraucht wird. Er ist immer ein Stressfaktor, weil so vieles gleichzeitig um meine Aufmerksamkeit buhlt.

Am Telefon dagegen lausche ich auf eine Stimme. Sie erzählt mir nicht alles, nur so viel, wie sie möchte. Ich muss nur zuhören. Oft wird länger geschwiegen, aber das Schweigen ist meist gar nicht unangenehm.

Das immer neue Medium Radio mag ich auch. Auch hier sitzen die Sprecherinnen und Sprecher sozusagen ‚im Ohr der Hörerinnen und Hörer‘. Aber eines geht im Radio gar nicht: Schweigen. Stille ist ein ‚No-Go‘. Ton weg, Empfang weg – was ist los? Stimmt was nicht?

Das Schweigen zwischen Menschen ist die schwierigste Form des Gesprächs. Für manche überhaupt ein ‚No-Go‘. Ja, die Stille des Schweigens kann auch beklemmend sein, manchmal erdrücken. Wer sich aber erinnert, wie das ist, seiner oder seinem Geliebten in die Augen zu schauen, weiß: Da wird ohne Worte eine Menge erzählt, ich muss nur zuschauen und hinhören.

Das geht nicht überall. Dafür muss ich einen Ort finden, eine Stimmung, eine Atmosphäre. Der Theologe Klaus Berger schreibt: Wenn man mutig ist und eine Weile schweigt, dann wird es wie ein Dialog. Ich erzähle, wo ich gerade herkomme, und dann: Was unerlöst und ungelöst ist. Ich weiß, dass der geliebte Mensch mir gegenüber das versteht, jedenfalls das meiste davon; und was mich drückt und was mir wehtut. Mein Gegenüber kennt das alles.

Bei diesen Zeilen merke ich: Im Glauben ist es wie in der Liebe – einen Ort finden, wo man Gott in Ruhe in die Augen schauen kann. Für manche ist das der Morgen im Garten. Oder Musikhören mit dem ganzen Körper. Oder ein stiller Kirchenraum. Für mich sind das vor allem die Momente der Stille im Gottesdienst. Dann klingen die gehörten Bibelworte in mir nach. In ihnen ist Gott da, so kann ich ihn ‚sehen‘. Ein intensives Da-Sein, ich halte mich selbst, mein Herz, Gott hin. Gott und ich: Wie Liebende schweigen und sehen im Gegenüber.

Zitate: Klaus Berger. Schweigen. Eine Theologie der Stille. Herder-Verlag 2021, Seite 59

Es gilt das gesprochene Wort.