Gute Macht…

Wort zum Tage
Gute Macht…
03.08.2016 - 06:23

Immer wieder einmal geistert das verzerrte Gesicht des Dr. Mabuse über  den Fernsehbildschirm. Diese Gestalt wurde zum Inbegriff eines verbrecherischen Strebens nach Macht, die ihm schließlich die ganze Welt untertan machen soll. Dabei scheut er vor menschenverachtenden Gräueltaten nicht zurück. Stets aber gelingt es beherzten Gegnern, seine Machenschaften zu durchschauen und zu durchkreuzen. Macht, so suggerieren diese Filme, hat etwas Dämonisches, sie entfacht ein Feuer, an dem sich andere verbrennen. Das ist ein durchaus beabsichtigter mahnender Effekt, denn viele Mächtige in dieser Welt haben unsäglich viel Unheil angerichtet und tun das bis heute; der Schritt vom Machthaber zum Verbrecher scheint oft nur klein zu sein. Deshalb hat die Macht für viele ein finsteres Gesicht. Dennoch ist es zu kurz gegriffen, von diesen Negativbeispielen her die Macht an sich zu verteufeln. Unser Friedensnobelpreisträger Willy Brandt hat einmal zu seiner Frau gesagt: „Du musst doch verstehen, dass ich Macht brauche!“ Sein Wille war es, mit seiner Macht dem Frieden zu dienen. Auch das ganz alltägliche Miteinander ist von verschiedenen Spielarten von Macht durchzogen. Der Lehrer hat Macht über die Schüler. Der Chef hat Macht über seine Mitarbeiter. Die Eltern haben Macht über die Kinder, jedenfalls bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Später haben dann eher die Kinder Macht über ihre Eltern. Der Ehemann übt Macht aus über seine Frau und umgekehrt. Macht gehört zum Leben. Jeder aber, der Macht hat, muss zusehen, dass er sich nicht zum Dr. Mabuse im Kleinen entwickelt. Die Versuchung dazu ist groß, und man braucht schon eine erhebliche Macht, um ihr zu widerstehen – Macht über sich selbst. Wer Macht hat über sich selbst, kann mit seiner Macht über andere angemessen umgehen und den Dr. Mabuse in sich selbst in Schach halten. Der vor wenigen Wochen gestorbene jüdische Publizist Elie Wiesel hat  in seiner Jugend unter den Nazis gelitten, unter Leuten, die keine Macht über ihre eigenen Machtgelüste hatten. Deshalb sagt er: „Der Mensch sollte nur eine Form der Macht anstreben, die über sich selbst.“ Wer die Macht hat über sich selbst, kann seine Macht so ausüben, dass sie anderen dient. Jesus geht da sogar noch weiter: „Wer unter euch groß sein will, sei euer Diener“, sagt er, „und wer unter euch der erste sein will, der sei euer Knecht“ (Matthäus 20, 26bf.). Und er hat gezeigt, wie das geht.