Meinetwegen Emmaus

Wort zum Tage
Meinetwegen Emmaus
23.04.2020 - 06:20
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Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs?
Was ist denn geschehen?

Außerirdisch würde heute jemand erscheinen, der so fragt.
Wo warst du? Lagst du wochenlang im Koma? Warst du in der Arktis? In einem Raumschiff unterwegs?
Es kann doch nicht sein, dass du von all dem nichts mitbekommen hast.

Es ist der Montag nach der Katastrophe. Vorbei ist es noch nicht, aber man kann wieder die Stadt verlassen. Zwei Freunde unterwegs. Auf Abstand noch. Sind dann mal weg. Atmen ein. Atmen aus. Leben noch. Einen Fuß vor den anderen setzen. Boden unter den Füßen spüren. Strecke machen. Irgendwann auch wieder Grund gewinnen.

Unser Freund ist gestorben. Allein. Erbärmlich.
Und mit ihm alle Hoffnung. Alles, wofür er stand. Eine ganze Welt. Ein ganzes Leben.

Drei Tage später: Gerüchte. Er lebt. Er wurde hier und dort von dem und dem gesehen.
Jetzt nur nicht vollends den Verstand verlieren. Weg aus der Stadt. Egal wohin. Meinetwegen Emmaus.
Gehen und reden. Wir haben ja immer noch uns. Was war das alles? Wozu das Ganze? Was soll nun kommen?

Ein Fremder kommt, gesellt sich dazu. Zu dritt unterwegs? Das ist noch ungewohnt.
Was ist denn geschehen? So kann nur ein sehr Fremder fragen. Er hat von nichts eine Ahnung und scheint doch mehr zu wissen.

Er braucht Schutz: Bleib lieber bei uns. Es wird schon dunkel. Wir passen auf dich auf.
Sie finden eine Bleibe für die Nacht. Die trauernden Wanderer und der Fremde mit den seltsamen Fragen. Er erzählt, teilt sein Leben und das Abendbrot mit ihnen.

Da fällt es ihnen wie Schuppen von den Augen: Der Fremde ist der, den wir vermissen. Er ist es. Doch kaum da, war er auch schon verschwunden. Und die müden Wanderer? Stehen auf. Machen sich auf zu derselben Stunde, um in die Stadt zurück zu gehen.

Aufstehen und Auferstehen. Aufstehen und sich wieder Aufmachen zu den Freunden. Gute Nachrichten überbringen. Heute noch. Jetzt sofort. Die Hoffnung lebt. Zurückgehen, denn das hier ist noch nicht das Ziel.

Aufstehen, trotz Müdigkeit in den Knochen. Freunde suchen. Weitersagen. Zurück zu den anderen.
Ostern hätten sie fast verpasst. Jetzt sind sie mittendrin. Auf dem Weg zurück in die Gemeinschaft.
Weil Ostern ihnen hinterhergegangen ist. Als ein Fremder.

„Du bist vorbeigegangen,
zugleich bekannt und fremd,
ein Teil aus unserm Dasein,
ein Lichtschein und ein Freund.
Dein Licht ist mir im Blut,
mein Leib ist wie der Tag,
entgegen hoff ich dir,
solang ich leben mag.“
 

(Huub Oosterhuis)

 

Es gilt das gesprochene Wort.