Schuld erkennen

Wort zum Tage
Schuld erkennen
18.03.2015 06:23
30.03.2015
Pastor i.R. Diederich Lüken

Besonders spannend war vor Kurzem der Fernsehkrimi „Neben der Spur – Adrenalin“ mit Ulrich Noethen und Nikolai Kinski in den Hauptrollen. Zu den beeindruckenden Merkmalen dieses Filmes gehört es, dass in den ersten drei Minuten klar ist, wer der Täter sein wird. Vor Jahrzehnten hat der Psychiater Dr. Johannes Jessen ein Gutachten unterschrieben, das er nur flüchtig gegengelesen hatte. Wegen dieses Gutachtens wurde ein Sohn von seinem Vater getrennt; und der Vater verbrannte auf einem Schiff. Der Sohn nimmt dafür Jahre später auf perfide Weise Rache und hängt dem Psychiater zwei Morde an. Schließlich macht er sich auf den Weg, um auch noch Frau und Tochter des Psychiaters auf die grausamste Weise zu vernichten. Im letzten Moment wird er durch einen Kriminalkommissar daran gehindert – wir befinden uns in einem Fernsehfilm, der ja doch zuletzt ein happy end haben muss. Dieses happy end bedeutet für den selbsternannten Rachengel eine Schusswunde und Abtransport mit einem Krankenwagen. Die Familie des Psychiaters finden wir am Ende traulich vereint auf einem Sofa sitzend, eng umschlungen – gerade noch aus großer Not gerettet.

 

Das alles wird in beklemmender Intensität gespielt; man hält die Spannung nur deswegen aus, weil man sich sagt: Wenn diese Figur jetzt stirbt, funktioniert der Film nicht mehr. Der Moment jedoch, der mich am meisten beeindruckt hat, spielt sich auf einem Schiff Boot ab, wo der Psychiater den Täter sucht. Dort stellt dieser den Psychiater, fesselt ihn und berichtet ihm nun von seinem Vorhaben, sich an dessen Frau und Tochter zu rächen. In dieser Situation sagt der Psychiater: „Ich bin schuldig. Ich allein. Nur ich habe Schuld, dass Sie Ihren Vater verloren haben. Weil ich das Dokument unterzeichnet habe.“ Das ist natürlich ein Versuch, seine Frau und seine Tochter vor dem Zugriff des Rachgierigen zu bewahren; aber immerhin ist es erstaunlich, dass da jemand ausdrücklich Schuld auf sich nimmt und zu ihr steht. Damit tut der Psychiater etwas, was zum Kernbestand des christlichen Glaubens gehört: Schuld wahrnehmen, Schuld bekennen und bereuen.

Wenngleich dies den selbsternannten Racheengel im Film nicht weiter kümmert und er unbeirrt auf seinem Feldzug fortschreitet, für die Beziehung zwischen Mensch und Gott ist das von elementarer Bedeutung. Denn wenn das Schuldbekenntnis vor Gott und Menschen geschieht, mag der Mensch bei seinem Bedürfnis nach Rache und Vergeltung bleiben; Gott aber will Schuld vergeben. Davon legt die Bibel beredtes Zeugnis ab, wenn sie in einem Psalm zum Beispiel betont: „So fern der Morgen ist vom Abend, lässt er, Gott, unsre Übertretungen von uns sein“ (Psalm 103,12).

30.03.2015
Pastor i.R. Diederich Lüken