Vom Sinn des Lebens

Wort zum Tage

Heute möchte ich schwärmen. Von einer Geschichte des Russen Anton Tschechow (1860 – 1904). Sie heißt „Der Student“ und ist, finde ich, eine der schönsten Geschichten der Welt. Tschechow war nicht sehr fromm. Aber aufmerksam und nachdenklich, was Gott und die Welt angeht. Und schreibt, was „Der Student“ an einem Karfreitag erlebt und dabei denkt:

 

Er kommt vom Jagen heim, der Student. Und denkt an alle Schrecken, die in der Welt waren und sind. Dann trifft er eine Mutter mit Tochter und fragt die beiden, ob sie im Gottesdienst waren. Die Frauen sagen Ja. Ungefragt erzählt ihnen der Student dann doch die Geschichte, wie Jesus von Petrus verleugnet wird und zu Tode kommt. Dabei sieht er, wie eine der Frauen zu weinen beginnt, als er die Geschichte erzählt. Er verabschiedet sich. Die Tränen der Frau beschäftigen ihn aber noch lange. Wenn diese einfache Frau geweint hat, überlegt er, dann hat alles, was mit Jesus geschehen ist, auch mit dieser Frau zu tun; ebenso mit mir. Was damals am Karfreitag war, hat einen Bezug zur Gegenwart und zu allen Menschen. Die Vergangenheit, denkt er, ist immer mit der Gegenwart verbunden. Und überlegt: Die Tränen der Frau, als sie von den Lügen des Petrus hört, zeigen doch, dass niemand frei ist von Angst und Schuld – dass aber jeder auch mitfühlen kann mit denen, die geschunden werden oder sterben müssen. Unentwegt denkt der Student nach, wie Menschen sind und sein können; wie er selbst denkt und fühlt. Ein geheimnisvolles Glück erfasst ihn. Er hat eine Wahrheit erkannt. Das Leben scheint ihm erfüllt von einem tiefen Sinn.

 

Ja, Die Wahrheit ist: Erschrecken und Scham, aber auch Liebe und Glanz sind in jedem Menschen. In der Karfreitagsgeschichte erkennt der Student, wozu Menschen aus Angst fähig sind, obwohl sie lieben wollen. Er spürt, wie ihn die Aufrichtigkeit glücklich macht. Keiner ist immer, was er sein will. Menschen sind ein Wunder an Möglichkeiten. Jeder Mensch kann versagen wie Petrus, der tapfer bleiben will und doch wegläuft. Und jeder kann stark sein wie die Frauen, die am Kreuz dem Sterbenden beistehen. Man kann beglücken oder tief fallen. So ehrlich sollte man sein. Weil Sinn im Leben dann beginnt, wenn man aufrichtig ist zu sich und Gott.

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