Die Meinungen zum Gaza-Krieg polarisieren auch in Deutschland. Im Mietshaus, in dem unser Autor wohnt, treffen die verschiedenen Sichtweisen aufeinander.
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Ich wohne in einem Mietshaus. Insgesamt leben dort zehn Parteien. Es sind Familien, Paare und Wohngemeinschaften. Ein bisschen kommt mir dieses Haus vor wie ein Spiegel unserer Gesellschaft. Jede und jeder hat seine eigene Geschichte und Herkunft.
Ab und zu treffen wir uns in einer der Wohnungen, um wichtige Mieterangelegenheiten zu besprechen. Manchmal sitzen wir draußen zusammen, auf dem Boulevard vor dem Haus, trinken etwas. Dann gibt es auch etwas zu essen, und wir reden miteinander, erzählen uns aus dem Leben.
Die Fülle der Biografien ist beeindruckend: Junge und Alte, Gesunde und Kranke. Ein Paar kommt aus Ungarn, sie sind erst im Alter hergezogen. Eine Frau ist in Asien geboren. Eine andere Familie stammt aus Syrien, eine türkische ist gerade ausgezogen. Einige Kulturen versammeln sich unter diesem Dach, das uns allen ein Zuhause bietet. Und auch die Religionen kommen vor: Katholiken, Protestanten, Muslime, Juden und jene, die keinen Glauben haben.
Im Alltag sind diese Verschiedenartigkeiten nicht zu merken. Allenfalls an den Namen am Klingelschild könnte man sie erahnen. Aber wenn wir an den warmen Sommerabenden zusammensitzen, kommen wir in den Gesprächen fast automatisch darauf zu sprechen. Meistens beginnt das mit einer Bemerkung zum Essen oder zu einem tagespolitischen Ereignis. Zurzeit ist die Einschätzung der politischen Lage in Israel und Gaza ein Triggerpunkt. Urplötzlich verhärtet sich das Gespräch. Die Stimmung droht zu kippen.
In diesen Momenten ist mir der Mikro-Kosmos unseres Mietshauses besonders wichtig. Hier zeigt sich, wie und ob Verständigung überhaupt gelingen kann, oder ob sich die Beteiligten in beleidigter Manier zurückziehen. Hier kann ich die Verständigung trainieren.
Im Hinterkopf habe ich dabei ein Modell aus der weltweiten Ökumenischen Bewegung. Es nennt sich "versöhnte Verschiedenheit". Es geht darum anzuerkennen: Ja, wir haben Meinungsverschiedenheiten, aber deshalb können wir trotzdem versöhnt zusammenleben.
Am Anfang haben wir uns darum bemüht, das Gemeinsame zu betonen. Wir wollten uns dadurch näherkommen und besser verstehen. Inzwischen legen wir mehr Wert auf die Unterschiede. Und zwar nicht nur auf die wohltuenden Unterschiede beim Essen oder bei den großen Festen. Wichtiger sind die konfliktträchtigen Differenzen. Die Situation in Israel und die Lage der Palästinenser ist so ein Thema oder die Rechte der Frauen oder die Rolle der USA.
Wenn wir darüber diskutieren, zeigt sich: Wir leben nicht versöhnt zusammen, weil wir alle gleich sind. Wir kommen miteinander aus, obwohl es so viele Differenzen gibt. Versöhnte Verschiedenheit gibt es nur dort, wo auch die Unterschiede nicht totgeschwiegen werden. Es ist so wichtig, nicht nur das Gemeinsame zu sehen, sondern auch das, worin wir uns unterscheiden.
Zu einem Ergebnis kommen wir in unserer Hausgemeinschaft dabei nicht. Das Ziel der Gespräche liegt auch nicht darin, dass am Ende alle gleicher Meinung sind. Schon bei der Frage, was ideologische Verzerrung oder gar Lüge ist und was als wahr eingestuft werden darf, schon da ist jede und jeder von uns vom jeweiligen kulturellen Kontext geprägt. Statt auf Einverständnis zu zielen, begnügt sich unser Miteinander auf den Umgangsstil: gleichberechtigte Partner auf Augenhöhe, gegenseitige Wertschätzung, die prinzipielle Bereitschaft, möglicherweise voneinander zu lernen, und natürlich: Keine Gewalt!
Die versöhnte Verschiedenheit braucht die Unterschiede. Wer Differenzen nicht akzeptieren will, verbaut die Chance auf ein gutes Miteinander der Religionen und Kulturen.
Es gilt das gesprochene Wort.
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