Max Horkheimer, einer der prägenden Philosophen des 20. Jahrhunderts, stammte aus einer jüdischen Familie. Zum Glauben an Gott hielt er kritische Distanz. Aber er hat entscheidende Sätze geschrieben, was der Grund für Glauben ist.
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Der Philosoph Max Horkheimer war nicht gerade ein frommer Mensch. Bekannt geworden ist er als Direktor des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main. Er gehört zu den Mitbegründern der Kritischen Theorie und hat neben Habermas und Adorno in den 60er Jahren das geistige Leben in Deutschland geprägt.
Aufgewachsen ist Horkheimer in einer orthodoxen jüdischen Familie. Als die Nationalsozialisten sein Institut geschlossen haben, musste er in die USA emigrieren, kehrte aber nach dem Krieg zurück und setzte die Arbeit fort.
Trotz oder auch gerade wegen dieser Erfahrung, aufgrund seiner jüdischen Herkunft verfolgt und ausgewiesen zu werden, zeigte sich Horkheimer später in Glaubensfragen eher distanziert. Wenn es um religiöse Bekenntnisse ging, war er kritisch. Er verstand seine Arbeit als Fortsetzung der Aufklärung. Und das bedeutet: Nichts einfach glauben, alles kritisch hinterfragen und, wenn es der rationalen Prüfung nicht standhält, es auch verwerfen.
Zugleich ist die Aufklärung nicht von der Wissbegier zu trennen. Der aufgeklärte Geist verspürt den Drang, Unbegreifliches zu erforschen, und möchte Nicht-Aussprechbares bedenken. Max Horkheimer verlor deshalb nie das Interesse an religiösen Fragen, weder an den jüdischen Traditionen noch an christlichen Positionen.
Von ihm stammt eine Anmerkung, die noch immer besondere Beachtung verdient. Zum einen, weil auch Skeptiker und kirchenkritische Menschen seine Gedanken respektieren. Zum anderen finde die Anmerkung bedenkenswert, weil sie existenziell und nicht theoretisch ausfällt. Sie gründet in einer persönlichen Betroffenheit, die viel Empathie zeigt. In einem Aufsatz mit dem Titel "Der Christ und die Geschichte" schreibt Horkheimer:
"Der Gedanke, dass die Gebete der Verfolgten in höchster Not, dass die der Unschuldigen, die ohne Aufklärung ihrer Sache sterben müssen, dass die letzten Hoffnungen auf eine übermenschliche Instanz kein Ziel erreichen und dass die Nacht, die kein menschliches Licht erhellt, auch von keinem göttlichen durchdrungen wird, ist ungeheuerlich."
Für mich ist das ein beeindruckendes Zeugnis: Horkheimer bietet mit diesem Gedanken einen besonderen Zugang zum Glauben. Da offenbart sich in dem religiösen Denken eine Sehnsucht nach einer übermenschlichen Kraft. Und schon der bloße Gedanke, dass diese Kraft nicht sein könnte, dass die an Gott gerichtete Gebete keinen Adressaten haben könnten, erscheint ihm geradezu empörend. Denn ohne sie würde alles im hoffnungslosen Dunkel versacken.
Für mich bedeutet das: Es muss einen Grund zur Hoffnung geben, gerade weil so vieles hoffnungslos erscheint. Wie könnte ich all das Leid der Verfolgten, der Kranken, der Misshandelten jemals hinnehmen, wenn da nicht die Hoffnung auf Trost wäre? Wie sollte ich angesichts der Dramen unserer politischen Gegenwart zuversichtlich leben können, wenn es nicht das Vertrauen auf ein göttliches Licht gäbe, das die Finsternis der Welt erhellt?
Max Horkheimer spricht erst einmal nur die Ungeheuerlichkeit aus: Was wäre, wenn alles Hoffen und Beten sinnlos wäre? Mir ist deshalb sein Statement wertvoll geworden. Mit ihm kann ich sagen: Ja, ich glaube! Vielleicht weniger an den in dogmatischen Debatten entfalteten Gott. Aber ich glaube an die Notwendigkeit einer göttlichen Instanz, die allem Trost und jeglicher Hoffnung zur Quelle wird. Auch in dem Resümee stimme ich mit Horkheimer überein. Er kommt zu dem Ergebnis:
"Die ewige Wahrheit hat ohne Gott ebenso wenig einen Grund und Halt wie die unendliche Liebe, ja sie wird zum undenkbaren Begriff."
Ich jedenfalls will das nicht, dass die beiden zu undenkbaren Begriffen werden.
Es gilt das gesprochene Wort.
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