Zorn zählt in der christlichen Tradition zu den Todsünden. Bedenkenswert in einer Zeit, in der viele ihrer Wut freien Lauf lassen.
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"Auch der Zorn über das Unrecht macht die Stimme heiser." Das hat Bertolt Brecht geschrieben, der Dichter, der sich wie kaum ein anderer für soziale Fragen engagiert hat und eine Stimme der Unterdrückten sein wollte. Der Satz stammt zwar nicht aus der Bibel, klingt aber so. Und das hat einen Grund: Schon als Schüler hatte Brecht einen Einakter mit dem Titel "Die Bibel" geschrieben und später für seine großen Werke immer wieder Anleihen bei biblischen Motiven genommen.
Auch in diesem Gedicht, in dem Brecht über die Auswirkungen des Zorns räsoniert, schlägt er einen Ton an, der an seine evangelische Erziehung erinnert: "Der Zorn über das Unrecht macht die Stimme heiser." In der christlichen Tugendlehre galt der Zorn als eines der sieben Hauptlaster. In der alten Kirche sprach man sogar von der Todsünde, wenn es um aggressive Wutausbrüche geht, mit denen Menschen über andere Personen oder Dinge herfallen. Etwas eleganter werden sie auch als Affektinkontinenz bezeichnet. Unangenehm sind diese jähzornigen Ausbrüche allemal, sowohl bei den andern wie auch bei mir selbst.
Einen Sonderfall gibt es dabei allerdings, dann nämlich, wenn vom Zorn Gottes gesprochen wird. Im Gegensatz zu den Ausfällen der Menschen wird der göttliche Zorn durchaus als sinnvoll erachtet. Als "Dies irae", als "Tag des Zorns" kommt er in jeder Komposition einer Totenmesse zum Ausdruck. Speziell Mozart und Brahms liebten es, den Zorn Gottes gewaltig zum Klingen zu bringen.
Als Erklärung hat Martin Luther ausgeführt, wie bei Gott die Liebe und der Zorn zusammenkommen. Eine Liebe ohne Gerechtigkeit bleibt irgendwie hohl, und das Plädoyer für Gerechtigkeit wäre schwach, wenn über die Ungerechtigkeit nicht gezürnt würde. So wurde – zumindest was Gott betrifft – der Zorn untrennbar als die engagierte Seite der Liebe gedeutet.
Ob das auch bei den menschlichen Wutausbrüchen so ist, bleibt zumindest fraglich. Natürlich hält jeder Mensch seine eigene Gefühlsäußerung erst einmal für berechtigt, und vermeintlich dient sie stets einem guten Zweck. Der Zorn erlebt gegenwärtig wieder eine Konjunktur: in Bundestagsdebatten, in Internetforen, bei Diskussionsrunden oder auf Demonstrationen. So häufig sind die Beiträge in das Gewand des Zorns gekleidet, obwohl er nicht immer das geeignete Mittel ist, um andere zu überzeugen. Aber darum geht es zumeist gar nicht. Wichtiger ist der Auftritt selbst, so als führe der Zorn ein Eigenleben.
Genau hier liegt das Problem, dass auch Brecht zu seiner Deutung führte. Für ihn ist klar: Nicht nur die Wutausbrüche mit niederen Motiven wirken zersetzend. Auch das, was so gerne als "heiliger Zorn" ausgegeben wird, hat letztlich eine Verhärtung der Seele zur Folge. Im Zusammenhang lautet die Strophe des Gedichts mit dem Titel "An die Nachgeborenen":
Dabei wissen wir doch:
Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
Verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.
Bertolt Brecht verurteilt nicht jene Menschen, die ihre Wut ausdrücken, weil sie Ungerechtigkeit nicht mehr aushalten. Er hat Verständnis für sie und zählt sich selbst zu ihnen. Das ändert aber nichts am Ergebnis: Mag sein, dass ein beherzter Zornausbruch notwendig ist und Wirkung zeigt, zumindest kurzfristig. Aber auch dieser berechtigte Zorn macht am Ende heiser. In diesem Sinn wurde der Zorn als Hauptlaster oder Todsünde aufgelistet: Nicht, weil im Zorn anderen Menschen die Gefühle um die Ohren geschleudert werden, sondern weil es den zornigen Menschen selbst zum Schaden wird.
Es gilt das gesprochene Wort.
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