Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen und die Jahre nahen, da du wirst sagen: »Sie gefallen mir nicht«. Das steht biblischen Buch "Prediger" und was heißt das für Altenpflegerin Rosi?
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"Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen und die Jahre nahen, da du wirst sagen: »Sie gefallen mir nicht«." (Prediger 12,1) Rosi muss schmunzeln über dieses Zitat aus dem Predigerbuch in der Bibel. Als Altenpflegerin sieht sie jeden Tag wovon da die Rede ist: sie sieht die bösen Tage des Alters, voller Beschwernisse. Sie selbst gehört zwar nicht mehr zur Jugend, ist aber noch lange nicht alt und sie soll sich also erfreuen an ihren guten Tagen. Gar nicht einfach, der Bibel zu folgen, selbst da nicht, wo sie es so gut mit einem meint. Rosi arbeitet im Schichtsystem. Mal muss sie sehr früh raus, mal kommt sie erst spät nach Hause. Das stresst nicht nur sie, das stresst die ganze Familie. Und doch ist ihr sehr bewusst. welch ein Segen es ist, gesund zu sein und alle Sinne beieinander zu haben.
Wenn sie liest, wie genau der Prediger Salomon die Mühen des Alters poetisch und bildreich beschreibt, hat sie all die alten Leute vor Augen, um die sie sich Tag für Tag kümmern muss.
"Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend,… "ehe die Sonne und das Licht, der Mond und die Sterne finster werden und die Wolken wiederkommen nach dem Regen, – zur Zeit, wenn die Hüter des Hauses zittern und die Starken sich krümmen und müßig stehen die Müllerinnen, weil es so wenige geworden sind, wenn finster werden, die durch die Fenster sehen, wenn die Türen an der Gasse sich schließen, dass die Stimme der Mühle leise wird und sie sich hebt, wie wenn ein Vogel singt…; wenn man vor Höhen sich fürchtet und sich ängstigt auf dem Wege, wenn der Mandelbaum blüht… und der Eimer zerschellt an der Quelle und das Rad zerbrochen in den Brunnen fällt. Denn der Staub muss wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat. " (Kohelet 12,1-8)
Viele Bilder erschließen sich ihr sofort. Ja, die Augen werden schlechter. Die Gliedmaßen werden schwach und steif, die Beine krümmen sich und die Müllerinnen, also die Zähne, sind wenige geworden, die Ohren werden taub und die Stimme wird brüchig, das Haar wird weiß und am Ende wird man zu Staub, muss wieder zurück zur Erde von der man gekommen ist. Das alles sind Bilder für die Vergänglichkeit, da gibt es nichts zu beschönigen. Mit diesem Gedicht schildert der Prediger das Alter in seiner ganzen Dramatik. Doch das ist kein Klagelied. Der Prediger Salomon richtet den Blick auf die guten Jahren davor, genau genommen gelten seine Worte Rosi.
Und Rosi fühlt sich angesprochen. Ja, das ist ihr nur zu bewusst, dass das Schicksal der Menschen, um die sie sich kümmert, auch ihr mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit bevorsteht. Auch sie wird einmal auf Hilfe angewiesen sein und dann verkehren sich die Verhältnisse. Oft denkt sie darüber nach, wie sie den Ansprüchen, die sie an ihre Arbeit hat, gerecht werden kann. Das ist nicht einfach. Die Vorgaben im Job erlauben ihr häufig nicht, den Menschen mit dem Maß an Zuwendung zu begegnen, das sie doch eigentlich erwarten dürften. Wird sich das zum Guten wenden oder wird im Gegenteil alles noch schlechter, weil der äußere Druck größer wird: mit weniger Geld, weniger Personal und immer mehr alten Menschen?
Und sie denkt über die Aufforderung des Predigers nach, doch mehr an sich zu denken, gerade jetzt, wo es ihr gesundheitlich gut geht. Und genau das ist die Spannung unter der sie leidet. Denkt sie an die Bedürfnisse der Alten, dann müsste sie noch mehr tun, denkt sie an sich, dann ist es schon jetzt zu viel, was sie sich zumutet. Aber davon hatte der Prediger Salomon wohl noch keine Vorstellung.
Es gilt das gesprochene Wort.
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