Aufstand des Gewissens

Morgenandacht
Aufstand des Gewissens
20.07.2021 - 06:35
Sendung zum Nachhören

Feedback zur Sendung? Hier geht's zur Umfrage! 

Die Sendung zum Nachlesen: 

1944. Der Zweite Weltkrieg tobt; täglich sterben deutsche und alliierte Soldaten, mit jedem weiteren Tag werden mehr Jüdinnen und Juden und andere unschuldige Opfer vom nationalsozialistischen Staat umgebracht. Für Claus Schenk Graf von Stauffenberg ist es Zeit, dass jetzt etwas getan wird. Ihm ist bewusst – er wird wohl als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen. Doch nichts zu tun heißt für ihn: ein Verräter vor seinem eigenen Gewissen zu werden. Er könnte den Frauen und Kindern der Gefallenen nicht in die Augen sehen, wenn er nicht alles täte, das sinnlose Menschenopfer zu verhindern[1].

Am 20. Juli 1944, heute vor 77 Jahren, wagt Claus Schenk Graf von Stauffenberg das Attentat auf Hitler. Er betritt den Besprechungsraum im Führerhauptquartier. Es war nicht das erste Mal, dass er eine Bombe in seiner Aktentasche trug, doch dieses Mal tickt der Zeitzünder.

Schon seit längerem war ein Putsch geplant – Deckname „Walküre“. Das Ziel: den Zweiten Weltkrieg möglichst schnell beenden.

Entschlossen stellt er die Aktentasche auf den Boden unter den Tisch – wenige Meter von Adolf Hitler entfernt. Er verlässt das Gebäude. Die Bombe detoniert.

Mehrere Männer sterben. Hitler überlebt das Attentat. Noch in derselben Nacht wird Graf von Stauffenberg erschossen.

Der 20. Juli 1944 ist zum Symbol des deutschen Widerstandes gegen die Diktatur des Nationalsozialismus geworden. Und das Stauffenberg-Attentat ging als „Aufstand des Gewissens“ in die Geschichte ein. Graf von Stauffenberg folgte seinem Gewissen – und nicht nur er. Der Widerstand gegen Hitler und sein Regime wurde von Frauen und Männern getragen, die aus unterschiedlichen politischen Richtungen und sozialen Schichten kamen. Sie eint, dass sie die unsagbaren Ungerechtigkeiten und Gräueltaten des nationalsozialistischen Staats nicht mehr hinnehmen konnten – und laut oder leise Widerstand leisteten.

Ich bewundere die Frauen und Männer, die solchen Mut aufbrachten. Die den Aufstand wagten und die für ihre Hoffnung ihr Leben gaben. Und ich bin aus tiefsten Herzen dankbar, dass wir in Deutschland eine freiheitliche Demokratie haben. Gewissensfreiheit für alle. Das Recht, frei zu wählen, seine Meinung zu äußern und auch Protest zu üben. Ich weiß: das ist nicht selbstverständlich.

Das Attentat vom 20. Juli 1944 war eine moralische Tat. Aber auch ein moralisches Dilemma. Es ist das Dilemma, das Gute zu tun, das was dem Leben dient. Das Böse aktiv zu unterbinden und einen Massenmörder zu stoppen. Graf von Stauffenberg griff dafür mit dem versuchten Tyrannenmord zum äußersten Mittel. Er tötet und verletzt andere und macht sich schuldig.  

Es gibt auch gute christliche Gründe dagegen. Du sollst nicht töten! Dietrich Bonhoeffer hat sich lange gefragt, ob ein Attentat auf Hitler zu rechtfertigen ist. Doch ihm wurde klar – mit jeder Entscheidung lade ich Schuld auf mich. Es gibt hier keine Entscheidung, die frei macht. Das ist eine Fantasie vom paradiesischen Leben. Aber unser Leben begleitet ein Gott, der Schuld vergibt. 

Ich möchte meine Mitmenschen lieben, so wie Jesus Christus es tat. Und auch wenn ich immer wieder daran scheitere, dann weiß ich doch, dass Gott gnädig ist. Bei ihm sind alle willkommen. Da gibt es nicht Juden noch Deutsche, nicht Schwarze noch Weiße, nicht Mann noch Frau. Genauso möchte ich meine Mitmenschen lieben.

Ich möchte auf mein Gewissen hören und weiß doch – das ist nicht zwangsläufig die Stimme Gottes. Ich brauche zu meinem Gewissen auch den Glauben an den gnädigen Gott, das Gebet und die Gemeinschaft mit meinen Glaubensgeschwistern. Um mein Schweigen heute zu überwinden, Verantwortung zu übernehmen. Und Ungerechtigkeit zu widerstehen mit Worten statt Waffen. Was lässt mich heute nicht mehr ruhig schlafen? Wo steht mein Gewissen auf?

Man lässt keinen Menschen ertrinken oder verhungern. Jeder Mensch verdient in Freiheit zu leben und zu lieben. Ja, dazu stehe ich. Nicht im Möglichen schweben, sondern das Wirkliche tapfer ergreifen[2], also handeln, so hat es Bonhoeffer gesagt. Ich bin dankbar für die Freiheit, so handeln zu können. Und für Gott, der meine Entscheidungen gnädig begleitet.

 

[1] Stauffenberg kurz vor dem 20. Juli 1944, wiedergegeben nach Joachim Kramarz: Claus Graf von Stauffenberg. 15. November 1907 – 20. Juli 1944. Das Leben eines Offiziers. Bernard & Graefe, Frankfurt am Main 1965, S. 201 und S. 132).

[2] Widerstand und Ergebung, DBW Band 8, Seite 571.

Es gilt das gesprochene Wort.