Gemeinfrei via Fundus/ Hans Genthe
Mit zehn Jahre hat unseren Autor ein Plakat mit einem Bibelvers fasziniert. Besonders das Wort "suchen". Bis dahin kamen ihm Erwachsene so vor, als hätten sie schon alles gefunden. Aber man scheint suchen zu dürfen.
Sucht mich!
Eine alte Jahreslosung, die einen Lebensweg begleitet
14.01.2026 06:35

Mit zehn Jahre hat unseren Autor ein Plakat mit einem Bibelvers fasziniert. Besonders das Wort "suchen". Bis dahin kamen ihm Erwachsene so vor, als hätten sie schon alles gefunden. Aber man scheint suchen zu dürfen.

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Die Jahreslosung ist ein Bibelwort, das zwölf Monate lang zum Denken anre­gt. Manchmal wird daraus ein dreiviertel Leben.

Ich erinnere mich an ein Bild aus meiner Kindheit. Fünf Menschen kauern dichtge­drängt auf einem Gerüst. Sie schauen mit großen Au­gen in den Himmel. Der Mond steht tief. Ein riesiges Fernglas in ihren Händen erzählt von ihrer Sehnsucht nach Gott. Sie schauen über die Dächer der Stadt. Am Ende der Nacht hoffen sie auf einen neuen Morgen.

"In Erwartung" heißt der Holzschnitt, den der Künstler Walter Habdank vor 50 Jahren schuf. Es wurde das Bild zur Jahreslosung 1978. Die hieß: Gott spricht: "Sucht mich, so werdet ihr leben." Das stammt aus dem Buch des Prophe­ten Amos.

Ich war damals zehn Jahre alt und beide, Bild und Losung, hingen als Poster in unserem Treppenhaus. Vom Wort "suchen" war ich berührt.

Ich bin im Pfarrhaus aufgewachsen. Zu uns kamen viele Menschen, die so wirkten, als hätten sie Gott gefunden. Sie redeten, als wüssten sie, wer und wie Gott ist. Ich war ein Kind und wusste nicht einmal, ob für mich überhaupt ein Gott sein kann.

Aber dem Kind sagte Gott: "Das ist nicht schlimm. In der Suche liegt das Leben." Die Gott schon gefunden haben wollen, haben vielleicht zu früh aufgehört zu suchen. Ja, zu früh aufgehört – zu leben? Suche ist Leben. Ohne diesen Trost hätte ich zehn Jahre später wohl kaum Theologie studiert.

Doch da fesselte mich längst das Wort nach dem Suchen: "Su­chet mich, so werdet ihr leben." Wer ist dieses "mich"? Welches Bild von Gott malt der Prophet Amos?

In dessen Worten klagt Gott an: den Reichtum, den Filz und die Selbstgerechtig­keit der Mächtigen seiner Zeit. Amos listet ihre Verbrechen auf: Sie beugen das Recht, sie bestechen, sie betreiben Prostitution und vieles mehr. "Hasst das Böse und liebt das Gute!", sagt Gott. "Sucht mich und nicht euch selbst. So werdet ihr leben." Ich habe in den Wendejahren unter anderem auch in Brandenburg gewohnt. Da habe ich beides erlebt: die ernsthafte Suche nach Gerechtigkeit und Recht, aber auch Geschäftemacherei und Egoismus.

"Suchet mich, so werdet ihr leben." Leben - das letzte Wort der Jahreslosung von 1978 begeg­nete mir in meinen 40ern. Und auch noch einmal das Bild von Walter Habdank. Das mit dem tief stehenden Mond, den Menschen im Gerüst und mit ihrem Fernglas. Kalt ist der Morgenwind da oben. Alles drängt sich aneinander. Sie klemmen sich in die Streben, blicken in den Nachthimmel. Was lässt uns als Christen leben?

Diese Frage traf auch die Kirchengemeinde, in der ich vor zehn Jahren Pfarrer war, als die Mittel schwanden. Wir haben einen Gottesdienst gefeiert unter dem Motto: "Ausblick 2030". Mit einem Fernglas in der Hand trauten sich manche Gemeindeglieder nach vorne zum Altar. Was sehe ich in der Zukunft? Und da geschah es: Sie blickten nicht auf das marode Gemeindehaus, sie fragten nicht, ob die Kirche zu halten sei. Sondern sie sprachen von ihren Kindern, die 2030 hoffentlich junge Eltern sein würden. "Wie können wir vom offenen Himmel erzählen, so, dass unsere Kinder es einst noch weitersagen mögen?"

Wurden sie Propheten für den Augenblick? Wer weiß! Leben hieß plötzlich nicht mehr, sich einzurich­ten, sondern miteinander unterwegs zu bleiben. Und sie sagten einander die Worte aus dem Prophetenbuch Amos zu: "Ja, wir werden leben."

2030 ist nun nicht mehr weit. Ich frage nach dem Anfang der alten Jahreslosung: "Gott spricht". Spricht Gott? Vielleicht nicht so klar wie einst zu Amos. Und doch ahne ich ihn zwischen den Zeilen zu hören durch meine Jahre hindurch: "Such weiter, denn das ist dein Leben."

Jahreslosungen sind Bibelworte, die wollen zwölf Monate lang zum Denken anre­gen. Manchmal wird daraus ein ganzes Leben.

Es gilt das gesprochene Wort.

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