Gemeinfrei via Fundus/ Stephan Krebs
Ein Leben lang fragen und lernen dürfen. Unser Autor hat dafür drei große Vorbilder: Ernie und Bert aus der Sesamstraße, Nikodemus aus der Bibel.
Heilige Neugier
Die Sesamstraße und ein biblisches Nachtgespräch
17.01.2026 06:35

Ein Leben lang fragen und lernen dürfen. Unser Autor hat dafür drei große Vorbilder: Ernie und Bert aus der Sesamstraße, Nikodemus aus der Bibel.

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"Der, die das! Wer, wie was?" Die Sesamstraße gibt es seit über 50 Jahren, und ich bin ein Fan der allerersten Stunde. Kurz nach meiner Einschulung beschwerte sich die Lehrerin bei meiner Mutter: "Sie haben mit dem Jungen Lesen geübt!" Doch das ABC hatte ich von Ernie und Bert. Der Rest kam ganz von selbst, aus Neugier.

Bis heute stärkt die Sesamstraße Kinder in ihrem Wissensdurst. Und das wirkt ein Leben lang. Auch für mich bleibt Neugier die schönste Form des Lernens. Fragen stellen ist erlaubt und wichtig. Verstandenes passt zu bekannten Dingen. Das Fremde bleibt hängen, wird vertraut und verändert Denken und Handeln. Offen bleiben für Veränderungen, darum geht‘s. Gerade dann, wenn die eigene Vorschulzeit immer länger zurückliegt.

Mein biblisches Paradebeispiel dafür heißt Nikodemus. Nikodemus ist für mich der große Lernende aus dem Johannesevange­lium. Die Bibel beschreibt ihn als einen "Pharisäer und Obersten der Juden". Nikodemus ist also weder jung noch ungebildet. Und er verfügt über eine gewisse Macht. Trotzdem sucht er den Kontakt zu Jesus. Wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt… ge­nau! Dumm bleiben will Nikodemus nicht.

Er nähert sich Jesus "bei Nacht", wie es in der Bibel heißt. Warum wählt er die Dunkelheit? Darf er seine Neugier auf den Wanderprediger nicht zeigen? Hat er Angst, mit Jesus gesehen zu werden? Wie auch immer. Sein Wunsch nach Licht im Dunkel seiner Fragen ist stärker.

"Rabbi", sagt Nikodemus, "wir wis­sen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen, denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm." (Johannes 3,2)

Das ist zwar weniger eine Frage als eine Schmeiche­lei. Doch über alles Anbiedern hinweg finden die beiden schnell ins Gespräch. Es geht um das Reich Gottes.

Für Jesus sind die Dinge, die er sagt und tut, also das, was Nikodemus "Zeichen" nennt, Boten dieses Gottesreiches. Gottes Liebe soll einmal in allem sichtbar werden, was geschieht. Sie soll regieren. Auf dem Weg dahin verändert Gott die Welt auch heute schon. Wo Jesus auftaucht, öffnen sich Augen, kommen Herzen und Beine in Bewegung, hört Ausgrenzung auf, hören Ohren wieder, beginnt neues Leben und wer arm ist, erlebt, dass Gott ihn sieht.

Wer aber, sagt Jesus zu Nikodemus, nicht von neuem geboren wird, wird dieses Reich Gottes nicht erleben.

Nikodemus hakt nach: "Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?"

Die Frage erscheint naiv. Will Nikodemus das ‚Neu-geboren-Werden‘ biologisch deuten? Aber Jesus nimmt seine Neugier ernst. Es geht beim Gottesreich um einen Neuanfang im Herzen. Es geht um Gemeinschaft und ums Lernen. Oder, wie Jesus sagt: geboren werden "aus Wasser und Geist".

Nikodemus soll sich aufmachen und diese neue Wirklichkeit entdecken. Das ist wie ein neues Alphabet, dessen Buchstaben man am Anfang nicht kennt und übersieht. Erst nach und nach entschlüsselt man das Leben neu. Man liest es als Geschichte, die Menschen einander erzählen können, wo immer sie liebevoll mit ihresgleichen umgehen, also gutmütig und fair.

In diesem Moment verstummt Nikodemus. Jesus spricht weiter. Hat die Neugier Nikodemus verlassen? Nein!

Viel später im Verlauf des Evangeliums taucht Nikodemus nämlich wieder auf und ergreift öffentlich Partei für Jesus. Die nächtliche Begegnung wirkt. Und als Jesus schon gekreuzigt ist, soll es Nikodemus sein, der für den Leichnam Salböl kauft. Da hat ihn das Reich Gottes schon längst neu geboren.

In der Sesamstraße saßen Ernie und Bert manchmal im Kino. Im dunklen Saal leuchtete dann ein grünes Schild, das ich nicht lesen konnte. "Exit" stand darauf. "Exit", was soll das heißen? Manche Dinge versteht man eben erst im Laufe des Lebens. Ich bleibe also neugierig auf den Ausgang der Geschichte. Im Leben wie beim Gottesreich.

Es gilt das gesprochene Wort.

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