Gemeinfrei via Fundus/ Walter Müller-Wähnen
Trauben, die zum Greifen echt aussehen. Ein Vorhang, der keiner ist, sondern selbst das Gemälde. Früher war es außergewöhnlich, wenn Bilder die Augen so täuschen. Seit KI ist Fake die Norm und das Echte außergewöhnlich.
Bilder, die lügen
Wie sehe ich, was wahr ist und was nicht?
15.01.2026 06:35

Trauben, die zum Greifen echt aussehen. Ein Vorhang, der keiner ist, sondern selbst das Gemälde. Früher war es außergewöhnlich, wenn Bilder die Augen so täuschen. Seit KI ist Fake die Norm und das Echte außergewöhnlich.

Sendung lesen:

Plinius der Ältere war ein römischer Gelehrter. Er erzählt vom Wettstreit zwischen zwei Ma­lern. Beide wollten der größte Künstler ihrer Zeit sein.

Der erste malte Weintrauben so realistisch, dass Vögel angeflogen kamen, um sie zu picken. Danach sollte der zweite sein Bild zeigen. Der deutete auf einen Vorhang. Sein Konkurrent wollte den Vorhang beiseiteschieben und das Bild dahinter sehen. Aber das ging nicht. Der Vorhang selbst war das gemalte Bild. So musste der erste Maler den Sieg seines Gegners anerkennen.

2000 Jahre sind seitdem vergangen. Inzwischen gestaltet künstliche Intelligenz Fotos und Videos so realistisch, dass bereits ein Wettbewerb stattfand, um die beste Software zum Schutz von Bilddaten zu küren. Es ging darum, wie Computer erkennen kön­nen, dass Bilder lügen. Die Augen des Menschen spielten dabei keine Rolle mehr.

Was aber darf ich ohne technische Hilfe noch glauben in einer Welt, die auf das Sehen baut wie auf keinen anderen Sinn? Wem traue ich, wenn jede und jeder mit wenigen Klicks erschaffen kann, was der Anschein sein soll? In diesem Wettstreit kämpft der siegreiche Maler millionenfach gegen sich selbst, bis hinter allen Vorhängen die Welt verschwindet, in der es einmal einen echten Vorhang gab.

Der römische Gelehrte Plinius konnte sich über den Sieg der Kunst noch freuen. Ich mache mir Sorgen.

Und ich hoffe auf ein Versprechen, das nur scheinbar nichts mit KI zu tun hat. Der Apostel Paulus will es erkannt haben. Paulus lebte fast zur selben Zeit wie Plinius. Und Paulus sagt: "Ich werde sehen!"

"Ich werde sehen!", das war eine Hoffnung für die Zukunft. Doch sie ließ Paulus auch schon seine Zeit mit anderen Augen schauen. Die Kunst der beiden Maler hätte er als Stückwerk abgetan.

Aber der Reihe nach: In einem seiner Briefe hebt Paulus die Liebe über alle Tugenden und Gaben. Denn erst die Liebe erfüllt alles mit Sinn: alle Erkenntnis, allen Glauben, alle Selbstlosigkeit. Berühmt ist die Formulierung des Paulus "Wenn ich alle Erkenntnis hätte und allen Glauben und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts".

Während alle guten Taten, Künste und alles Wissen vergehen werden, bleibt die Liebe. Paulus beschreibt die Liebe als Wert in allen Handlungen. Aber für ihn ist sie auch ein Weg des Erkennens. Paulus schreibt: "Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild, dann aber von Ange­sicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin." (1. Korinther 13,12)

Sehen und lieben hängen für Paulus also fest zusammen. Denn Sehen ist das Sehen eines Gegenübers. Erkennen ist Beziehung. "Ich werde erkennen, gleichwie ich erkannt bin."

Da geht es nicht allein um Optik. Die Liebe wird zum Schlüssel, um das Wahre vom Fake zu unterscheiden. Weil Liebe den Taten Wert gibt, ist die Liebe in den Taten auch wiederzuerkennen. Das funktioniert wie ein untrügliches Wasserzeichen. Um es zu erkennen, braucht man aber nicht nur Augen, sondern alle Sinne, Verstand und Herz.

Ich weiß nicht, ob Paulus bei dem Wettbewerb der Deep-Fake-Detektoren hätte mitmachen dürfen. Liebe ist kein Algorithmus. Paulus‘ Schlüssel liegt auf einer anderen Ebene. Dafür ist er kostenlos.

Je besser Deep-Fakes aus dem Computer werden. Je umfassender mich künstli­che Universen unterhalten wollen. Je mehr die große Illusion aus Nullen und Einsen mit meiner kleinen Welt verschmelzen will, desto mehr will ich mich mit allen meinen Sinnen orientieren. Vielleicht am wenigsten mit den Au­gen und am meisten mit dem Herzen, um die Beziehung zu durchschauen, die mir jemand anbietet.

Wie Paulus hoffe ich auf das Versprechen, einst zu sehen, wer hinter allen Vorhängen auf uns wartet. Plinius, der römische Gelehrte konnte sich noch über die perfekte Täuschung freuen. Ich denke, heute brauchen wir eher die Freude darüber, wenn die Liebe Bilder erkennt, die nicht lügen.

Es gilt das gesprochene Wort.

Feedback zur Sendung? Hier geht's zur Umfrage!