Gott macht neu

Morgenandacht
Gott macht neu
29.05.2021 - 06:35
Sendung zum Nachhören

Die Sendung zum Nachlesen: 

In den Schwachen will Gott mächtig sein, heißt es. Wenn das wahr wäre… - Wenn Gott in unsere Erschöpfung einziehen würde, die Müdigkeit zu seiner Wohnung machte und sich in ihr häuslich niederließe. In meiner Trägheit. In der schlaffen Hand, den hängenden Schultern, dem vernebelten Geist, der sich im Kreis dreht, mal rechts-, mal linksherum und dann stehen bleibt, wie eine quietschende Wetterfahne auf einem nutzlosen Turm ohne Aussicht.  

Was, wenn Gott in meine Mutlosigkeit einsteigt durch die zerbrochene Hintertür, die schräg in der Angel hängt? Wenn die Spinnweben Gott nicht stören, sondern nur seine Neugier wecken. Der modrige Geruch. Was, wenn Gott nicht zurückweicht, sondern wartet, bis sich seine Augen an das Dämmerdunkel in uns gewöhnt haben, und dann vorsichtig weitergeht bis in den Keller. Ohne Taschenlampe, aber immer noch staunend sieht, was in mir ist:

Zerbrochene Träume, alt gewordene Wünsche. In einer Ecke stapeln sich längst vergessene Vorsätze. Auf einer Kiste steht „gute Ideen“, auf einer anderen „Pläne“. Es gibt ziemlich viele solcher Kisten. „…keine Kraft zum Kämpfen“ verblasst auf den Resten eines Posters an der Wand. Und das ist erst der Anfang. Es riecht nach Resignation. Nach verrottender Zuversicht, nach vergeblicher Liebesmüh. Und es riecht streng.  Auch nach Zorn. „Hier willst du mächtig sein, Gott? Bist du sicher?” - Stille. Und ein Summen in mir: „You are the Sunshine of my life.“

In den Schwachen will Gott mächtig sein? Dann sei es doch, bitte! Sei mächtig in den Schwachen, Gott. Zeig deine Macht: In den Flüchtlingslagern und Obdachlosenunterkünften, sei mächtig in Frauenhäusern, im Stöhnen der Alten und im Weinen der Kinder. Sei mächtig, Gott, auf den Intensivstationen, zwischen den piepsenden und den atmenden Lebensrettern, die nicht wissen wohin mit ihrer Erschöpfung, die nur schlafen wollen und entspannen und sich sehnen danach, keine Masken mehr tragen zu müssen bei Tag und bei Nacht. Die einfach nur wieder ungehindert atmen wollen. In geschlossenen Räumen und unter freiem Himmel, wie du und ich und jeder Mensch. Du willst wohnen in unserer Erschöpfung? Mein Gott, dann komm doch. Es gibt so viel Erschöpfung, in der du wohnen könntest. Komm!

Aber eins muss klar sein: Wir wollen alle atmen ohne Angst. Wir wollen singen und miteinander lachen. Wir wollen uns anlehnen und arglos nebeneinandersitzen: im Theater in Berlin, im Café in Damaskus, unter den Palmen auf der Krim oder am Bahnhof in Lummerland. Mit Kind und Kegel. Mit Blick aufs Meer. Oder die Berge. Oder aufs Display. Einfach sitzen und schauen. Manchmal auch küssen und Liebe machen. 

„Verstehe“, sagt Gott. - „Ich sowieso“, sagt der Mann aus Nazareth. Der kommt gerade aus meinem Keller und hat ziemlich viel Staub in den Haaren. Es ist mir peinlich, was er so alles findet in meinem alten Gemäuer. Wenn es nach mir ginge, könnte das alles weg. Aber so ist er nicht: Jede Falte ein mögliches Wunder, jede Schwäche wird Material. Wüst und leer findet er großartig. Je mehr Tohuwabohu, umso besser. Aus alt mach neu. Upcycling ist wirklich sein Ding. Da gleicht er seinem Vater. 

Du willst in den Schwachen mächtig sein, Gott? Sei mächtig, wir bitten dich. „Bin ich“, sagt Gott. „Verlasst euch drauf.“  
Er ist tatsächlich eingezogen in meine Erschöpfung. In meine Mutlosigkeit und Resignation. Hat die Trägheit neu programmiert und ein paar Blumen auf den Tisch gestellt. Ich mag, dass sich was verändert. Ich lass Gott machen. Es summt in mir: „Love is in the air.“ Wer hätte das gedacht: Alles wieder auf Anfang.
 

Es gilt das gesprochene Wort.