Nichts neues unter der Sonne

Morgenandacht
Nichts neues unter der Sonne
26.11.2018 - 06:35
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„So much is gone, and so little is new.“ So viel ist schon vergangen, und es gibt so wenig Neues. Dem verstorbenen britischen Popstar David Bowie wird dieser Ausspruch zugeschrieben.

 

„So much is gone, and so little is new.“ Das klingt müde. Abgeklärt. Wer das sagt, der rechnet mit nichts Neuem und Aufregenden mehr. Ein Lebensgefühl, das nicht nur David Bowie gekannt hat. Ein 70jähriger sprach bei meinem Geburtstagsbesuch von der Restlaufzeit seines Lebens.

 

Was ein Mensch in seinem Leben erlebt, hinterlässt Spuren in seinem Gemüt. Und manchmal eben auch ein Lebensgefühl, das nicht mehr viel zu erwarten scheint. Neu ist auch dieses Gefühl nicht. Schon die Bibel beschreibt es: „Es geschieht nichts Neues unter der Sonne“ (Kohelet 1,9b), heißt es beim Prediger Salomo im Alten Testament. „Alles ist eitel und Haschen nach Wind“ (Kohelet 2,11b). Also: Alles schon mal dagewesen, alles vergeblich.

 

Wie umgehen mit dieser Müdigkeit des Lebens? Sie lässt sich nicht wegschieben. Manchmal hat sie einen Anlass, manchmal hat sie keinen. Die Bibel beschreibt, was der Verfasser dieser trüben Gedanken alles versucht hat: Er hat sich an Wein berauscht. Dann hat er Häuser gebaut, Weinberge gepflanzt, sich Reichtümer erworben. Es brachte ihm nichts. Alles hat ihn verdrossen. Bis er schließlich erkennt: Ein jegliches Ding hat seine Zeit. Weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit, klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit (Kohelet 3,4). Als sich seine Gedanken schließlich Gott zuwenden, stellt er fest: Alles kommt von Gott – doch auch Gottes Werke wird er nicht ergründen können (siehe Kohelet 3,11).

 

Was der Prediger Salomo beschreibt, ist gar nicht so ungewöhnlich. Ein lebensnaher Bibeltext ist das für mich, er malt nicht schön, er beschreibt eine Gefühlslage, die es damals gab und die es heute genauso gibt. Und gerade das empfinde ich als tröstlich. Das haben viele bereits in biblischen Zeiten erlebt. Darin können sich diejenigen wiederfinden, die sich gerade durch eine Lebenskrise quälen oder denen der Sinn für ihr Tun und Lassen abhandengekommen ist. Die den „Blues“ haben.

 

Alles hat seine Zeit. Manchmal sind auch diese Zeiten notwendig und hilfreich: In denen ein Mensch sich seiner eigenen Vergänglichkeit gewahr wird. Wenn er über sein Leben nachsinnt, mag er sich der Erkenntnis stellen müssen, dass nicht alles „etwas gebracht“ hat. Das wird ja heute überall gefordert: Das Ergebnis müsse stimmen und die Bilanz positiv sein. Das gibt das Leben aber nicht immer her. Der Theologe Henning Luther hat dafür den Begriff vom Fragmentarischen des Lebens geprägt. Kein Leben ist perfekt. In jedem Leben gibt es unerfüllte Wünsche, schmerzhafte Brüche oder Fehlentscheidungen. (1) Das zu akzeptieren ist nicht leicht, kann aber helfen.

 

Alles hat seine Zeit: Auch die Nachdenklichkeit hat ihre Zeit, auch die trüben Gedanken, auch das Zweifeln am Sinn des Lebens, – das Eingeständnis, das vielleicht nicht alles seinen Sinn gehabt hat oder dieser Sinn nicht in jedem Fall zu erkennen war.

Durch diese stimmungsmäßig gedämpfte Zeit hindurchzugehen, ist nicht einfach. Aber auch in dieser Zeit finden innere Prozesse statt, in denen sich im Stillen etwas erneuern kann.

 

Und auch in der Bibel geht es weiter: Denn schließlich gewinnt der Verfasser dieser Zeilen wieder Boden unter den Füßen, und seine Worte bekommen einen lebensbejahenderen Klang: „Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.“ (Kohelet 3,12f)

 

Sich ganz sinnlich-leiblich am Leben freuen, angefangen bei Essen und Trinken, das kann Herz und Gemüt stabilisieren. Für sich selbst sorgen, achtsam mit dem Leben, seinen Höhen und Tiefen umgehen – das ist eine lebenspraktische Haltung. Ich finde, sie öffnet eine Tür. Und wer weiß, vielleicht geschieht im Leben dann doch noch etwas Neues. Alles hat eben seine Zeit. Auch jetzt.

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

(1) vgl. Henning Luther, Leben als Fragment, in: Wege zum Menschen 43 (1991) S. 262 ff.