Thomas

Morgenandacht

Gemeinfrei via unsplash/ Quinten Rude

Thomas
15.08.2022 - 06:35
11.06.2022
Jörg Metzinger
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Letztens hatte ich mal wieder so ein Gespräch. Bei der Verabschiedung der Kollegin. Nein, es war der Stehempfang bei dieser Ausstellungseröffnung. Ist auch gar nicht so wichtig, denn solche Gespräche habe ich öfter. Jedenfalls: neben mir ein Mann, graumeliertes Haar, Mitte Vierzig, schätze ich, denselben lauwarmen Grauburgunder im Glas wie ich. Die Grußworte sind lang und langweilig. Naja. Wir beginnen an unserem Stehtisch leise ein Gespräch, er stellt sich als Abteilungsleiter in der städtischen Verwaltung vor und ich oute mich als Pfarrer. Nach einem erstaunten Blick und kurzer Pause stellt er klar: „Also ich glaube nur, was ich sehe! Und was ich sehe in der Welt um mich rum, also, ich will Ihnen nicht zu nahetreten: Aber, das lässt mich nicht glauben.“

Da ist sie wieder, diese Ansicht, der ich in so vielen Gesprächen begegne: Religiöse, gläubige Menschen müssen an das Unsichtbare glauben. Und an das Gute. Im Menschen. Und an das Gute schlechthin, an Gott. Und der ist natürlich auch unsichtbar. Und wer das nicht kann – der gehört halt nicht dazu. Zur Gemeinschaft der Gläubigen.

Ein ewiges Thema, vielleicht so alt wie die Menschheit. Und deshalb auch in der Bibel aufgegriffen. Dort wird berichtet, dass Jesus an ein Kreuz genagelt wurde, starb und begraben wurde. Und dass Jesus nach drei Tagen von den Toten auferstanden sei. Seine Jünger erzählen, sie hätten ihn danach gesehen. Einer von ihnen war nicht dabei. Er hat ihn nicht gesehen, den von den Toten auferstandenen Jesus: sein Jünger Thomas. Und dem kommen Zweifel: "Wenn ich nicht in seinen Händen die Wunden von den Nägeln sehe und meinen Finger in diese Wunden lege, kann ich's nicht glauben!" sagt er.

Aber Thomas bekommt seine Chance. Eine Woche später ist Jesus wieder da und sagt zu ihm: „Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ Jesus würdigt die Zweifel des Thomas, nimmt sie ernst - und lässt sich anfassen. Und Thomas glaubt.

Nein, ich muss nicht an das Unsichtbare glauben, um gläubig zu sein. So verstehe ich diese Geschichte aus der Anfangszeit der christlichen Gemeinschaft.

Das habe ich dem Mann beim Stehempfang erzählt. Und ihm gesagt: ich glaube auch nur an das, was ich sehe. Was ich höre, was ich spüre, was ich anfassen kann. Jedenfalls: was meinen Sinnen irgendwie zugänglich ist.

Die Grußworte und Reden über die Ausstellung sind zu Ende. Wir schweigen eine Weile. Dann fragt mich der Mann, wo er denn so wie Thomas mit seinen Sinnen etwas erfahren kann, sodass er glauben kann. Glauben kann, dass das Leben einen Sinn hat. Und nicht nur von Zufällen geprägt wird. Dass es einen Sinn macht, sich einzusetzen für Frieden, Freiheit, die Schöpfung, das Zusammenleben der Menschen. Und er rollt die ganzen, großen Themen vor mir aus, die einen zweifeln lassen. Manchmal auch verzweifeln oder resignieren lassen. All das Leid, der Krieg, die geschundene Erde. Der Hass und die Rücksichtslosigkeit.

„Wo kann ich etwas anderes sehen? Wissen Sie es?“ fragt er mich. Und es klingt nicht aggressiv, sondern ein bisschen sehnsüchtig.

Jetzt schweige ich. Ja, wo.

„Ich weiß es nicht. Aber manchmal entdecke ich es. Oder besser: es entdeckt mich. Ein kluger Mann, Ernst Barlach, hat mal gesagt: Gott verbirgt sich hinter allem, und in allem sind schmale Spalten, durch die er scheint - scheint und blitzt. Ja, manchmal blitzt es auf. Meistens unerwartet.

„Ein schönes Zitat“, entgegnet der Mann. Er dreht sein Glas ein wenig und der Grauburgunder funkelt. „Aber meine Frage beantwortet das nicht.“

„Neulich habe ich ein Kind getauft“, sage ich, „dann meine Hand auf den kleinen Kopf gelegt. Und als ich den Segen gesprochen habe, blicken mich diese Augen ernst und tief an. Die ganze Welt habe ich in den Augen dieses Kindes gesehen. Verstehen Sie, was ich meine?“

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

11.06.2022
Jörg Metzinger