Langeweile

Wort zum Tage

Gemeinfrei via Unsplash/ Priscilla Du Preez

Langeweile
mit Sabrina Fabian
23.10.2021 - 06:20
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„Mir ist langweilig!“ – das habe ich lange nicht mehr gedacht, schon sehr lange nicht mehr. Ich erinnere mich aber gut an dieses Gefühl, als ich ein Kind war und irgendwie nichts richtig vor mir zu liegen schien. Meine Mama hatte damals jede Menge Vorschläge, aber keiner passte: „Dann geh doch raus in den Garten?“ „Dann lies doch etwas!“ „Dann spiel mit deinen Puppen.“ Verrückt, oder? So viele Möglichkeiten und gegen jede fand sich ein Einwand. Nichts von all dem musste getan werden. Zu nichts gab es einen wirklichen Anlass. Mir war einfach langweilig. Damals wünschte ich mir etwas, das ich heute überhaupt nicht mehr nachvollziehen kann: So viel zu tun zu haben, dass man sich aussuchen kann, womit man anfangen soll. Das habe ich mir als Kind ganz aufregend vorgestellt. Sei vorsichtig, was du dir wünschst, würde ich meinem jüngeren Ich heute gerne sagen. Denn so öde wie meine jüngere Version Langeweile fand, ist sie eigentlich nicht, denke ich heute.

Es gibt eigentlich immer etwas zu tun. Habe ich keine Texte mehr für die Uni vorzubereiten, kann ich mir endlich dieses eine Buch vornehmen, von dem ich mir Impulse und Inspiration für Andachten verspreche. Sind die Balkonpflanzen umgetopft, warten Freunde auf einen gemeinsamen Abend, dem ich mich schon lange entgegensehne. Der Terminkalender ist eigentlich immer voll. So voll, dass ich mir aussuchen kann, eher: entscheiden muss, womit ich anfange.

Mal nicht getrieben sein von Vorhaben - und auch von der Angst, etwas zu verpassen, sondern mir eine lange Weile nichts vornehmen, das erscheint mir heute sehr verlockend.

In der Bibel hat niemand Langeweile, so scheint es. Die Menschen können selten selbst darüber bestimmen, wie sie ihre Zeit verbringen. Die Stunden des Tages sind verplant: Es gibt eine Zeit, da man das Vieh eintreibt (Gen 29,7), eine der Getreideernte (Jer 50,16) und eine des Dreschens (Jer 51,33). Und obwohl ich mich in unserer hochtechnisierten Zeit um all diese aufwendigen Arbeiten der Nahrungsbeschaffung nicht mehr selbst kümmern muss, ist Zeit auch für mich ein knappes Gut. „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde“ (Koh 3,1), heißt es im Buch des Predigers. Gilt das auch für die Langeweile? Ich vermute, ja. Und das gefällt mir. Eine bewusste Entscheidung. Langeweile nimmt man sich raus. Ein Privileg, wer sich dazu entscheiden kann. Ein Privileg, wenn man die Wahl hat. Das will ich nicht vergessen. Mach deine Uniaufgaben. Jetzt nicht! Mach die Pflanzen winterfest. Nein! Mach den Kühlschrank sauber! Ach nö. Jetzt ist erstmal Zeit für Langeweile. Die gönne ich mir - und anderen natürlich auch.

Es gilt das gesprochene Wort.