Worauf kann ein todkranker Mensch hoffen? Was tröstet ihn? Jörg Machel erzählt von Hugo, der in der biblischen Gleichbehandlung von Mensch und Tier Tröstliches findet.
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Hugo wird sterben. Da gibt es nichts zu beschönigen. Er weiß es seit seiner ersten Krebsdiagnose. Wir haben es einfach zu spät entdeckt, das war der resignierte Kommentar seines Arztes. Jetzt liegt Hugo im Hospiz und weiß, dass aus Monaten Wochen geworden sind, vielleicht auch nur Tage. Er denkt oft über seine Bestattung nach. Dabei hat er sich an einen Text erinnert, den er auf seiner Abschiedsfeier gelesen haben möchte:
"Denn auf Mensch und Tier wartet das gleiche Schicksal: Beiden gab Gott das Leben, und beide müssen sterben. Der Mensch hat dem Tier nichts voraus, denn auch er ist vergänglich." (Prediger 3,19) Das Zitat hat er in der Bibel gefunden, beim Prediger Salomon. Und genauso skeptisch fährt der Prediger fort: "Sie alle gehen an denselben Ort – aus dem Staub der Erde sind sie entstanden, und zum Staub der Erde kehren sie zurück. Wer weiß schon, ob der Geist des Menschen wirklich nach oben steigt, der Geist des Tieres aber in die Erde hinabsinkt?" (Kohelet 3,20+21)
Hugo gefällt diese Passage aus dem Predigerbuch. Seine Skepsis gegenüber allen Träumereien von einem ewigen Leben ist da auf den Punkt gebracht. Wir wissen nichts und deshalb sollten wir das Spekulieren lassen. Hier spielt die Musik und danach ist Stille. Er braucht das nicht, diese Vertröstungen auf ein Leben danach. Staub zu Staub, Erde zu Erde – das ist okay für ihn.
Doch etwas anderes an diesem Bibelwort findet er bemerkenswert: die Gleichsetzung von Mensch und Tier. Darüber denkt Hugo nach. Auch wenn Gott für ihn dabei keine Rolle spielt, findet er den Gedanken spannend, dass die Menschen vor so langer Zeit sich offenbar nicht so wichtig nahmen. Wenn der Mensch dem Tier nichts voraushat, werden die Tiere auf der anderen Seite irgendwie geadelt. Sie stehen mit uns auf einer Stufe.
Hugo denkt darüber nach, welche Konsequenzen es hat, wenn alles Leben den gleichen Ursprung und das gleiche Lebensrecht hat. In seiner Jugend hat ihn Albert Schweitzer fasziniert. Auch aufgrund von dessen "Lehre von der Ehrfurcht vor dem Leben" hat er sich schon vor vielen Jahren entschlossen, kein Fleisch mehr zu essen. Gott braucht er für all seine Überlegungen nicht. Staub zu Staub, Erde zu Erde, so ist die Natur, so endet das Leben.
Eine christliche Bestattung ist okay für Hugo. Aus der Kirche ausgetreten ist er nicht. Gute Erinnerungen sind geblieben. In der Wendezeit hat er gemerkt wie wichtig eine Institution ist, die unabhängiges Denken erlaubt. Viel mehr ist da nicht. Vor allem braucht er keinen religiösen Überbau.
Mir selbst gelingt es nicht, mich derart genügsam mit unserer begrenzten Lebenszeit abzufinden. Ich bleibe an dem Halbsatz hängen, wo der Prediger Salomon mit leisem Zweifel sagt: "Wer weiß denn schon?"
Auch wenn ich auf kein "Weiter so!" nach meinem Tode hoffe, so vertraue ich doch darauf, dass mein Leben in einen großen Sinnzusammenhang hineingehört, dass es von Bedeutung ist, wie ich lebe, dass die Liebe mehr ist als eine hormongesteuerte Funktion der Natur. Dieses "Wer weiß denn schon?" öffnet meiner Fantasie Türen, die die Grenzen der Vergänglichkeit nicht unüberwindlich erscheinen lassen.
Mehr noch als die Frage nach meinem eigenen "Wohin" bewegt mich die nach dem Schicksal derer, die vor mir sterben oder bereits gestorben sind. Leben sie wirklich nur in unserer Erinnerung oder haben sie ganz unabhängig von uns einen bleibenden Ort?
Ich persönlich fülle dieses: "Wer weiß denn schon?" mit Hoffnung.
Es gilt das gesprochene Wort.
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