Gemeinfrei via Pixabay/ Communication 76
Es gibt Gefühle, die werden toxisch, wenn man sie nicht ausspricht.
Bühne für Gefühle
Hiob und das Klagen-Dürfen
11.12.2025 06:20

Es gibt Gefühle, die werden toxisch, wenn man sie nicht ausspricht.

Sendung lesen:

Gespräche, die ich als Pfarrerin vor Beerdigungen führe, sind so vielfältig wie Menschen selbst. Bei manchen braucht es Zeit, bis die Angehörigen ihre Gefühle mit mir teilen. Bei anderen geht es gleich zur Sache: "Das mit der Demenz, das war richtig scheiße", sagt ein Schwiegersohn und entschuldigt sich sofort. "Sprechen Sie ruhig aus, wie es für Sie war", sage ich. "Ich höre zu." Manche Gefühle brauchen Publikum. Und erst wenn sie auf der Bühne stehen, können sie gefühlt werden.

Wut, Enttäuschung und Frust gehören dazu. Diese Gefühle werden übermächtig, wenn wir sie unterdrücken. Irgendwann platzen sie dann heraus, häufig im unpassendsten Augenblick. Dabei dürfen wir sie rauslassen. Es gibt keinen Grund, sie zu verstecken. Eine Erlaubnis dafür lese ich im Alten Testament. Da steht die Erzählung von Hiob, der von einem Schicksalsschlag nach dem anderen getroffen wurde. Hiob ist erschüttert, wütend, frustriert. 

Hiob klagt. Er hadert mit Gott und lässt seine Verzweiflung heraus gegenüber den Freunden, die ihn besuchen. Diese Freunde sind gekommen, um Hiob beizustehen. Erst erweisen sie Hiob einen echten Freundschaftsdienst: Sie schweigen mit ihm sieben Tage und sieben Nächte lang.

Aber danach ist ihr Beistand nicht das, was Hiob braucht. Denn sie versuchen all das, was Hiob widerfahren ist, einzuordnen, auszudeuten, zu erklären.

Dabei gibt es nichts in der Welt, was Hiob erklären könnte, warum seine Kinder gestorben sind. Warum er all seinen Besitz verloren hat und krank geworden ist. Nichts scheint das zu rechtfertigen.

Hiob bleibt nur das Seufzen. Er nutzt die Chance, dass seine Freunde da sind. Er klagt: "Auch heut bleib ich beim Widerspruch, das ist der ganze Inhalt meiner Klage. Und seufze ich, liegt es an Gottes Hand, die mich noch immer niederdrückt." (Hiob 23,2) Hiob fasst sein Leid in poetische Worte, aber sagt im Grunde dasselbe wie der Schwiegersohn im Beerdigungsgespräch: "Das war richtig scheiße!"

Nichts kann Hiob vom Klagen abbringen: "Doch die Finsternis reicht nicht aus, um mich zum Schweigen zu bringen. Auch wenn vor mir alles im Dunkeln liegt, hält mich das nicht zurück." (Hiob 23,17)

Gegen alle Widerstände beschreibt Hiob, was er aushalten muss. Und das dauert so lange, wie es eben dauert. Mit großem Selbstbewusstsein setzt sich Hiob gegen seine Freunde durch, die sein Leid wegerklären wollen.

Darum bestärke ich den Schwiegersohn im Beerdigungsgespräch: Lassen Sie alles raus. Klagen und fluchen Sie. Hier ist der Ort dafür, ich bin das Publikum für den Auftritt Ihrer Gefühle. Wenn sie auftreten durften, dann wird es vielleicht, hoffentlich leichter, mit ihnen zu leben.

Es gilt das gesprochene Wort.

Feedback zur Sendung? Hier geht's zur Umfrage!