Ein früherer BND-Präsident in Untersuchungshaft - ein Anlass, über Vertrauen und Verantwortung neu nachzudenken.
Sendetext:
Wer viel bekommen hat, muss sich auch mehr verantworten - diese Regel gilt für Familien, für Firmen und für Ämter. Im Lukasevangelium sagt Jesus es so: "Wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern."[i] Dazu erzählt Jesus von einem Hausherrn, der für längere Zeit verreist. Vorher übergibt er seinem Verwalter sein ganzes Haus: die Mitarbeiter, die Vorräte, alles, was dazugehört. Nicht als Eigentum, sondern er soll Treuhänder sein. Niemand schaut dem Verwalter dabei zu. Er kann tun, was er will. Gerade darin zeigt sich, ob er dem Vertrauen treu bleibt. Jesus sagt: Wer so viel in die Hand bekommt, von dem wird auch viel erwartet. Das ist keine Drohung, sondern eine schlichte Wahrheit: Je mehr jemandem anvertraut ist, desto schwerer wiegt es, wenn das Vertrauen bricht.
Diese Woche wurde ein früherer Präsident des Bundesnachrichtendienstes festgenommen.[ii] Sein früherer Büroleiter soll ihm über Jahre geheime Unterlagen zugespielt haben. Beide sitzen inzwischen in Untersuchungshaft. Was aus den Vorwürfen wird, wohin die geheimen Informationen gelangt sind, das klärt sich erst in den kommenden Monaten. Ein Haftbefehl ist noch kein Urteil.
Aber es erschüttert nicht nur mein Vertrauen. Diesem früheren Geheimdienstchef war viel anvertraut: Geheimnisse, auf die sich ein ganzes Land verlässt - und die heute mehr denn je geschützt werden müssen. Falls die Vorwürfe zutreffen, ist das Vertrauen gebrochen.
Die Gefahr eines Vertrauensbruchs gibt es immer, wo Menschen Verantwortung übernehmen: wenn Gelder veruntreut werden, wenn Parteien nicht halten, was sie versprochen haben. Auch in den Kirchen haben sich Menschen Personen anvertraut, die Verantwortung für sie trugen. Und erfuhren Gewalt von genau denen. Das wiegt für mich besonders schwer.
Auf solche Fälle kann ich auf zwei Arten antworten, die beide in die Irre führen. Die eine: Dann vertraue ich eben niemandem mehr. Jeder könnte täuschen, jede Institution versagen. Das ist verständlich, aber dann fehlt mir etwas Lebenswichtiges. Ohne Vertrauen kann niemand leben, nur noch aushalten. Vertrauen dagegen trägt wie ein Boden, auf dem ich stehen kann. Die andere Gefahr: Ich schaue nicht so genau hin, vertraue dem Vertrauten unbesehen, ungeprüft. Das wäre nicht Vertrauen, das wäre Leichtsinn.
Was Jesus sagt, zeigt einen dritten Weg. Wer viel anvertraut bekommt, wird daran gemessen. Das richtet sich nicht gegen das Vertrauen. Es schützt es. Ein Verwalter, den nie jemand zur Rechenschaft zieht, kann Vertrauen jahrelang missbrauchen, ohne dass es ans Licht kommt. Erst wo nachgefragt wird, zeigt sich, ob das Vertrauen gehalten hat. Deshalb ist es für mich ein gutes Zeichen, dass die Bundesanwaltschaft jetzt ermittelt. Es zeigt: Was anvertraut wurde, gilt noch etwas.
Ich frage mich: Wem vertraue ich eigentlich und warum? Dem Vertrauen, das ich schenke, tut es gut, wenn es kritisch ist. Fragen zulässt, auch unbequeme. Ein Vertrauen, das genau hinschaut, ist kein kleineres Vertrauen. Es ist eines, das standhält.
Wie der Fall des früheren Geheimdienstchefs ausgeht, ist offen. Was ich weiß: Verantwortung zu tragen ist mehr als eine Last. Es ist zuerst ein Vertrauensbeweis, sogar ein Zuspruch. Für mich einer, der von Gott kommt: Dir traue ich das zu, du bist fähig dazu. "Wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern." Gott sei Dank: Diesem Zuspruch bleiben in diesem Land viele treu - vom Rathaus bis in Ministerien, in Gemeinden und Familien, ohne dass es je in die Nachrichten kommt, jeden Tag.
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