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Zum 350. Todestag von Paul Gerhardt
Freude suchen in der Welt
Zum 350. Todestag von Paul Gerhardt
17.05.2026 08:35

Es ist Paul Gerhardt-Jahr, und unsere Autorin macht sich auf nach Lübben im Spreewald. Hier war der Dichter zuletzt Pfarrer. Wie wirken Paul Gerhardt-Lieder heute?

Sendetext: 

Martin Liedtke:
Mein Erstkontakt mit Paul Gerhardt liegt früh in der Kindheit. Ich bin in einem evangelischen Pfarrhaus groß geworden in Brandenburg, in der Nähe von Oranienburg. Und natürlich haben wir dort "Geh aus, mein Herz, und suche Freud" gesungen. Und da begann das eigentlich, dass ich einen Zugang bekommen habe. Und wenn wir dann durch den Spreewald gefahren sind, dann hat unser Vater manchmal gesagt: Hier, das ist die Kirche, in der er die letzten Jahre Dienst getan hat und wo er auch beerdigt liegt. Und dann dachte ich immer: Ja, ist ja interessant, aber was hat das eigentlich mit mir und meinem Leben zu tun?

Rezitation Otto Sander:
Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerszeit an deines Gottes Gaben; schau an der schönen Gärten Zier und siehe, wie sie mir und dir sich ausgeschmücket haben. 
Die Bäume stehen voller Laub, das Erdreich decket seinen Staub mit einem grünen Kleide; Narzissus und die Tulipan, die ziehen sich viel schöner an als Salomonis Seide.


Es ist Paul Gerhardt-Jahr. Am 27. Mai 1676 – vor 350 Jahren - starb der protestantische Pfarrer und Liederdichter in der Stadt Lübben im Spreewald. Die evangelische Kirche in Lübben trägt heute seinen Namen. Dort steht nun Pfarrer Martin Liedtke auf der Kanzel - umgeben von malerischer Natur, die Touristen aus aller Welt anzieht: hohe Bäume, satte Wiesen, Vogelgezwitscher. Wie im Paradies. Der Glanz der Schöpfung, der an so vielen Orten der Welt durch Menschen und Klimawandel Schaden erleidet, hier scheint es ihn noch zu geben.

Die Realität zu Lebzeiten des Dichters sah anders aus: 1653 – kurz nach Ende des Dreißigjährigen Krieges, textet Paul Gerhardt ein Sommerlied. Es klingt wie der Traum von einer anderen Welt. In Wirklichkeit waren Städte und Dörfer verwüstet. 800 Millionen Tote waren zu beklagen, die Menschen litten an Krankheiten, Hunger und Seuchen. Doch in die Verzweiflung klingt ein Lied:

Paul Gerhardt war ein Glaubens- und ein Lebenskünstler. Auch darum bewegen seine Lieder und Texte heute noch Menschen und werden überall auf der Erde gesungen. Was der Welt und ihm persönlich widerfuhr – Krieg, Leid, Verluste, persönliche und berufliche Niederlagen – alles verarbeitete er in seinen Texten. Es sind Gebete und Psalmen. Sie handeln von Klage und Lobpreis, vom Ringen um Durchhaltevermögen und Mut gerade auch in Krisen. Sie weiten die Perspektive, rufen aus der eigenen Bequemlichkeit und Angst raus in die Zuversicht und Dankbarkeit: Geh aus, mein Herz, und suche Freud!

Rund 150 seiner Liedtexte sind erhalten geblieben. 26 davon finden sich heute im Evangelischen Gesangbuch, einige auch im katholischen Gotteslob. Gesungene Ökumene also. Nicht alle Liedtexte sind so bekannt wie: Befiehl du deine Wege oder das berühmte Weihnachtslied Ich steh‘ an deiner Krippen hier. Könnten seine Lieder doch mit der Zeit in Vergessenheit geraten? 

Martin Liedtke:
Da kann ich nur für mich selber antworten: Also für mich gewinnen Lieder wie Gott loben und Ist erschienen das edle Fried- und Freudenwort eine ganz andere Bedeutung. Also seine Kriegs- und Friedenslieder, die werden schon an Konjunktur gewinnen. Die sind eher unbekannt, ja. Es sind in unserem Gesangbuch viele, viele, viele Lieder nicht mehr vertreten. Und es hat zum einen auch damit zu tun, dass Paul Gerhardt sich ja oft in hoher zweistelliger Zahl mit Strophen ausgelassen hat und die Aufmerksamkeitsspanne von uns Menschen im 21. Jahrhundert so gering ist, dass wir gar nicht mehr die Zeit uns nehmen, 15, 18 oder manchmal sogar 30 Strophen zu meditieren.

Die Paul Gerhardt-Gemeinde in Lübben und ihr Pfarrer Martin Liedtke lassen sich davon nicht abschrecken: Sie singen seine Lieder gern von vorne bis hinten, alle Strophen, und sind stolz auf den berühmten Pfarrer, der hier die letzten Jahre seines Lebens verbrachte. 

In Gräfenheinichen, eine kleine Stadt zwischen Leipzig und Wittenberg, wurde er geboren – verlor mit zwölf Jahren den Vater, nur zwei Jahre später die Mutter. In Wittenberg begann er später ein Studium der Theologie und verdiente sein Geld als Hauslehrer. In dieser Zeit entstanden die meisten seiner Texte. Wenn man in den zahlreichen Büchern blättert, die in diesem Jubiläumsjahr erschienen sind, finden sich viele Berufsbezeichnungen: Poet, Naturbeobachter, Tröster, Dichter, Theologe, Philosoph. Was von den vielen Attributen trifft am ehesten auf Paul Gerhardt zu?, wollte ich von einem Experten wissen. Gunter Kennel ist Landeskirchenmusikdirektor der Evangelischen Kirche in Berlin und Brandenburg, also da, wo Paul Gerhardt lebte und wirkte.

Gunter Kennel:
Ich denke schon: Pfarrer. Er hat zwar lange gebraucht, bis er wirklich in einem Pfarramt war, und hatte ja auch aufgrund seiner besonderen Bindung an das lutherische Bekenntnis es in seiner Berufsbiografie ja auch nicht einfach. Aber ich denke schon, das war für ihn sozusagen der Mittelpunkt und auf das hin und aus ihm heraus hat er auch Lieder geschrieben. Das gehört sozusagen zum Pfarrerbild dieser Zeit auch mit dazu, dass man sich über literarische Texte, über Lieder, über Predigten, bei ihm sind es nun weniger Predigten, aber vor allen Dingen Lieder, sich die Theologie erschließt und sie auch für andere erschließbar macht.

Tatsächlich sind vom Pfarrer Paul Gerhardt keine Predigten überliefert – wenn man von vier Beerdigungsansprachen absieht. Vielleicht beruht auch darauf sein Erfolg: dass er die Botschaft des Glaubens nicht auf Kanzelworte beschränkte, sondern sie in Lieder packte, die mitten ins Herz trafen: emotional, sinnlich und erfahrbar für jeden.

Gunter Kennel:
Ich denke, das liegt vor allen Dingen daran, dass er sich wirklich auf die zentralen existenziellen Erfahrungen konzentriert und das mit dem Glauben, den er hat, ins Gespräch bringt, und zwar auf eine sehr persönliche Art. Also wenn man die Lieder anschaut, es ist ja wirklich sehr viel vom Ich und vom Du die Rede und nicht wie bei vielen Liedern aus dem 16. Jahrhundert, also aus der unmittelbaren Reformationszeit, der er sich sehr verbunden fühlte. Lieder, die sehr viel das Wir und die Gemeinschaft und die Gemeinde und den Glauben, der sozusagen auch normierend zum Ausdruck gebracht werden sollte. Hier ist es ein Glaube, der sich in seiner Normativität, denke ich, auch sicher war, aber der das dann gerade aus dieser Sicherheit heraus auch sehr persönlich und sehr unmittelbar erfahrbar - und das gilt eben für uns heute auch noch - zum Ausdruck bringt.

Zurzeit fühlen so viele Menschen sich machtlos und ausgeliefert angesichts der Kriege und Krisen. Zusätzlich nehmen die Transformations- und Digitalisierungsprozesse ständig an Fahrt auf, greifen in gewohnte Lebensvollzüge ein, strapazieren die Kräfte und die Seele. Gerade da rühren die Lieder und Texte Paul Gerhardts an eine tiefe Sehnsucht: als einzelner Mensch in dieser Welt tatsächlich gemeint, gebraucht und angesprochen zu sein. Nicht ausgeliefert und allein, sondern in Beziehung. Für Paul Gerhardt in Beziehung zu Gott, durch den diese Welt als seine Schöpfung ist und durch den sie am Ende zu einem guten Ziel geführt werden wird: ins himmlische Paradies. Gottes ewiger Garten und wir Menschen mitten darin.

In diesen Tagen erreicht das Jubiläumsjahr seinen Höhepunkt quer durch das Land mit zahlreichen Veranstaltungen und mit viel Musik. In der Lübbener Paul Gerhardt-Kirche wurde gerade eine Sonderausstellung eröffnet. Hier können "Paul Gerhardts Blumen" Narzissus und die Tulipan aus der Feder regionaler Künstler bewundert werden. Zum Todestag selbst gibt es einen Festgottesdienst. Zwei Wochen später wird die kleine Stadt 2000 Bläserinnen und Bläsern zu Gast beim großen Landesbläsertag haben. Im Repertoire natürlich Paul Gerhardt-Choräle. Hat der Lübbener Pfarrer Sorge, dass die Lieder seines berühmten Vorgängers in Vergessenheit geraten könnten?

Martin Liedtke:
Ja, schon. Also ich glaube, was manchem Lied guttun würde, wäre vielleicht eine frische, eine neue, moderne Melodie. Und bin sehr dankbar, dass es jetzt in diesem Jahr diesen Kompositionswettbewerb gab, dass quasi an seinem Todestag am 27. die Melodien gekürt werden, die besonders ins Ohr gehen. Und ich denke, das ist eine Chance, manche Texte wirklich dem Vergessen zu entreißen. Mit mancher alten Melodie ist das wahrscheinlich schwer möglich.


Paul Gerhardt-Lieder begleiten Menschen durch alle Lebenslagen und quer durch das ganze Kirchenjahr. Wer nach einem Lieblingslied fragt, bekommt meist mehrere Antworten, weil die Wahl schwerfällt. Das geht auch Pfarrer Martin Lietdke so.

Martin Liedtke:
Ich kann mich schwer auf ein Lied irgendwie festlegen. "Befiehl du deine Wege" war mir lange, lange, lange Zeit sehr, sehr wichtig. Ist es auch. Singen wir sehr oft zu Beisetzungen und auch sonst im Gottesdienst. Aber eins der Lieder, die nicht mehr im Gesangbuch sind, ist mir auch sehr wertvoll: "Geduld ist euch vonnöten". Da spricht Paul Gerhardt, dekliniert die Geduld durch in ganz vielen Strophen. Und ich denke, das ist auch etwas, was wir in unserer Zeit brauchen: Geduld, Geduld mit Reformen, Geduld mit gesellschaftlichen Prozessen, die sich verändern. Geduld und Zuversicht.

Otto Sander:
Hilf mir und segne meinen Geist mit Segen, der vom Himmel fleußt, daß ich dir stetig blühe; gib, daß der Sommer deiner Gnad in meiner Seele früh und spat viel Glaubensfrüchte ziehe.
Mach in mir deinem Geiste Raum, daß ich dir werd ein guter Baum, und lass mich wohl bekleiben. Verleihe, daß zu deinem Ruhm ich deines Gartens schöne Blum und Pflanze möge bleiben.
Erwähle mich zum Paradeis und lass mich bis zur letzten Reis an Leib und Seele grünen, so will ich dir und deiner Ehr allein und sonsten keinem mehr hier und dort ewig dienen.

 

Musik dieser Sendung:
1. Paul Gerhardt, Die großen Choräle und geistlichen Lieder, Geh aus, mein Herz, und suche Freud 
2. Sarah Kaiser, Geistesgegenwart, Geh aus, mein Herz 
3. Livemitschnitt Rundfunkgottesdienst am Sonntag Kantate, 3. Mai 2026 aus der Erlöserkirche in Berlin-Tegel, "Sollt ich meinem Gott nicht singen", Gesang: Maria Helmin, Orgel: Albrecht Gündel vom Hofe
4. Schlusszitat/-musik: Paul Gerhardt, Die großen Choräle und geistlichen Lieder, Geh aus, mein Herz, und suche Freud