Der Dorfnazi als Freund?

Autorin Juli Zeh

Luchterhand Literaturverlag © Peter von Felbert

Der Dorfnazi als Freund?
Juli Zehs Roman "Über Menschen"
04.07.2021 - 08:35
Über die Sendung:

"Am Sonntagmorgen" im Deutschlandfunk zum Nachhören und Nachlesen

 
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Dora ist Mitte dreißig und arbeitet erfolgreich in einer Werbeagentur. Absolute Wahrheiten mag sie nicht, auch „keine Autoritäten, die sich darauf stützen. In ihr wohnt etwas, das sich sträubt.“ So sträubt sie sich auch gegen das Korsett aus Regeln, das Robert, ihr Freund und Klima-Aktivist, dem gemeinsamen Leben verpassen will: „Es durften nur noch bestimmte Produkte gekauft und bestimmte Nahrungsmittel gegessen werden.“ Und natürlich: keine Flüge, keine Taxifahrten. Dora hat durchaus Verständnis dafür. Sie ist linksliberal wie die ganze Szene, in der sie lebt, und natürlich für den Klimaschutz.

Und „auch 14 Jahre nach dem Fußball-Sommermärchen sieht Dora nicht gerne Schwarz-Rot-Gold,

vor allem nicht in ostdeutschen Vorgärten". Auch wenn sie keine „strenge Verfechterin von
political correctness“ ist, „mit fremdenfeindlichen Sprüchen kommt sie absolut nicht zurecht. Sie verfällt sofort in Rassismus-Starre. Schnappt nach Luft und schämt sich später, dass sie weder das Gespräch gesucht hat noch lautstark für Demokratie und Menschlichkeit eingetreten ist.“ (1)

„Sie weiß nicht einmal, ob es stimmt, dass die meisten Rechten nicht gesprächsbereit sind. Weil sie selbst nicht gesprächsbereit ist. Ihre Taktik besteht eigentlich darin, Menschen, die rechte Sprüche klopfen, um jeden Preis zu meiden.“ (2)

Mit Beginn der Corona-Pandemie wird Klima-Aktivist Robert zusätzlich Epidemiologe. Und als er Dora erklärt, das Virus sei in gewisser Weise auch ein Segen, schließlich befreie es den Planeten von der Mobilität, da wusste sie, dass sie gehen musste. Und Dora zieht in ein heruntergekommenes Gutsverwalterhaus im Ort Bracken in der brandenburgischen Provinz, das sie sich

heimlich gekauft hat.

 

Was sie nicht wusste:

Der unmittelbare Nachbar dort ist Gote, der Dorfnazi.

So stellt er sich vor, gleich im ersten Satz.

Und Gote ist Nazi.

Mit seinen Kumpanen grölt er beim Bier das Horst-Wessel-Lied. Er saß auch schon im Gefängnis: versuchter Totschlag, gefährliche Körperverletzung. Bereits mit dreizehn oder vierzehn war er mit seinem Vater in Rostock-Lichtenhagen. Damals setzten hundert Rechtsextreme

eine Aufnahmestelle für Asylbewerber in Brand, toleriert und bejubelt von tausenden Anwohnern.

Noch 30 Jahre später sagt Gote:

„Ich fand's toll. Endlich raus aus der Bude. Abends Pyro, Bier, geile Stimmung. […]

War wie ne Auferstehung. Endlich wieder was los.“

Dieser Gote wohnt nun direkt neben Dora. Die Nachbargrundstücke allerdings trennt eine hohe Mauer. Und Gote hat eine Tochter, die während der ersten Corona-Welle bei ihm wohnte: Franzi.

Franzi freundet sich zunächst mit Doras Hündin Jochen an. Die hat tatsächlich einen männlichen Namen.

Doch es ist Gote, der als erster auf Dora zugeht.

Er schmeißt Jochen, die Hündin, über die Mauer.

Der Köter hat in seinen Kartoffeln gebuddelt.

Und dann baut er Dora, der Hundehalterin, ein Bett aus Paletten.

Warum?

Ja warum? Weil sie keins hat. Das sah Gote durchs Fenster. Später schenkt er ihr Stühle, die sie dringend braucht und die ihr auch gefallen, nimmt sie im Pickup mit zum Baumarkt, um Farbe zu kaufen. Warum macht der das, habe ich mich gefragt und dann Juli Zeh. Sie hat Gote und Dora in ihrem jüngsten Roman „Über Menschen“ erfunden.

 

So wie Gote für Dora ein rotes Tuch ist, ist Dora für Gote auch ein rotes Tuch. Die sind ja sozusagen an den beiden gegensätzlichen Enden der gesellschaftlichen Fahnenstange angesiedelt. Also noch weiter auseinander kann man ja kaum sein: bildungstechnisch, biografisch, politisch, also von allem eigentlich ganz weit auseinander. Entsprechend hassen die sich eigentlich erst mal. Aber der Gote ist ein typischer Brandenburger Mann und auch ein typischer Dörfler. Wenn da eine alleinstehende Frau in ein kaputtes Haus zieht und du siehst von außen: die kriegt nichts auf die Kette, die schaffts noch nicht mal, ihre Wiese anständig zu sensen. Die hat keine Möbel, die weiß nicht, wie man ein Kaminfeuer anmacht, die weiß nicht, wie man eine Glühbirne wechselt. Das erträgt man einfach nicht als Zuschauer, als männlicher Zuschauer, der alles kann. Ja, also, da muss man rübergehen und helfen. Das ist zum einen Nachbarschaftshilfe. Das ist aber zum anderen auch einfach ein Verbrechen am Universum, wenn jemand so unbegabt ist und so unfähig. Man muss wissen, wann die Kartoffel gesetzt wird, und man muss wissen, wie ein Feuer angeht, und die kann das alles nicht. Und das hält er einfach nicht aus. Also muss der was dagegen tun.

 

Es bleibt nicht bei dieser Nachbarschaftshilfe. Dora und Gote treffen sich nun gelegentlich an der hohen Mauer. Sie muss dafür auf einen Stuhl steigen, er auf eine Obstkiste. So sind die „Köpfe fast auf gleicher Höhe. Dort rauchen sie zusammen Zigaretten. Manchmal ist es einfach so: Vor dem Schlafengehen geht Dora ein letztes Mal zur Mauer und pfeift. Dann kommt Gote, steigt auf die Obstkiste, und sie rauchen gemeinsam, wobei sie schweigen.“ (3)

Das allein ist mittlerweile eine rebellische, ja eine solidarische Geste, schließlich ist Rauchen total out. Noch in Heinrich Bölls Romanen spielen Zigaretten eine zentrale, eine Menschen verbindende Rolle.

In einem Nachruf auf Böll dichtete Dorothee Sölle: „Wer erinnert uns jetzt an das Sakrament der geteilten Zigarette?“ (4)

 

Aber heimse ich da nicht zu viel hinein?

Ist das tatsächlich für Dora und Gote so, frag ich mich, frage ich Juli Zeh:

„Ja, das ist absolut so. Das ist heute noch so. Nur dass die Gruppe derer, die das noch teilen, eben sehr klein geworden ist. Wenn man selber raucht, dann kennt man auch diesen Effekt, dass eine Zigarette immer auch eine Pause bedeutet. Man tritt aus irgendetwas heraus und befreit sich für fünf Minuten aus dem üblichen Zusammenhang. Und diese Befreiung betrifft eben nicht nur das Zeitliche, sondern die betrifft auch gesellschaftliche Konventionen. Also ich habe es immer so erlebt, dass man mit Leuten eine Zigarette rauchen kann, mit denen man ansonsten eigentlich nichts zu tun haben will. Aber das Rauchen, das klappt für die fünf Minuten. Und dann geht man wieder auseinander, und das ist etwas, was bei Dora und Gote auch passiert. Einer wie Gote und eine wie Dora würden sich unter normalen Umständen niemals begegnen und schon gar nicht miteinander reden.“

 

Plötzlich reden da zweie miteinander, die alles dafür tun, den Kontakt mit einem solchen Gegenüber zu vermeiden. Jedoch: die Mauer, die sie voneinander trennt, verbindet sie. Irgendwann bemerkt Dora, dass Gote krank sein muss. Sie bittet ihren Vater, Gehirnchirurg an der Charité,

nach dem Rechten zu sehen.

Der Vater diagnostiziert einen Hirntumor, Endstadium.

Dora will das nicht wahrhaben, sie stellt sich vor, es gäbe noch eine Chance für Gote. Und kämpft um Gotes Leben und kümmert sich um seine Tochter Franzi. Sie kauft die notwendigen Tabletten, schließlich ist Gote nicht versichert. Hofft irgendwie und bangt. Die Nachbarn merken das. Sie organisieren ein kleines Fest im Dorf, das eigentlich Gotes Abschiedsfest ist. Schließlich geht es um Leben und Tod.

Dora trinkt viel auf diesem Fest und hofft auf eine neue Diagnose ihres Vaters. Den Unterhaltungen folgt sie nur am Rande. Sie ist irgendwie nach innen geklappt und denkt, „wie wenig Polarisierung es in Wahrheit gibt. Kein Ost und West, unten und oben, links oder rechts. Weder Paradies noch Apokalypse […]. Stattdessen Menschen, die beieinanderstehen. Die sich mehr oder weniger mögen. Die aufeinandertreffen und sich wieder trennen. Dora gehört dazu, Gote gehört dazu.“(5) Denkt Dora so vor sich hin.

Sie machen hier, denkt Dora weiter, womöglich „eine Party, um die einzige Wahrheit zu feiern, die es gibt: dass sie alle hier und jetzt gemeinsam auf diesem Planeten sind. Als Existenzgemeinschaft. Sitzend oder stehend, schweigend oder redend, trinkend und rauchend, während die Erde sich dreht, die Sonne sinkt und das Feuer herunterbrennt. Was für ein verdammtes Wunder.“ (6)

Verfasste Kirche und Christentum scheinen Dora eher fremd zu sein. Auf diesem Fest jedoch denkt sie eine Utopie, die an biblische Visionen erinnert. Kurt Marti sprach gern vom „unglaublich erwählten“ Planeten Erde. Und Erwählung bedeute in diesem Falle, „dass Pflanzen, Tiere, Menschen, dass alles, was lebt, dazu ausersehen ist, auf diesem kleinen Planeten eine Vergänglichkeit lang atmen, lieben, sich tummeln zu dürfen.“ (7)

In diese Richtung - so mein Gefühl - denkt Dora auf diesem für Gote arrangierten Dorffest.

 

Juli Zeh meint dazu,

 

„dass das ja eigentlich schon irre ist, dass wir alle gleichzeitig hier sind. Und das eigentlich das Einzige ist, worauf wir uns verlassen können und dass man daraus halt auch tatsächlich etwas ableiten kann, dafür, wie man anderen Menschen begegnet. Und mein Eindruck ist, dass wir uns jetzt im 21. Jahrhundert an diesem Punkt der Geschichte hier in unserem Land ganz schön weit von dieser Erkenntnis entfernt haben und auch immer weiter uns davon entfernen. Und ob jetzt religiös, christlich oder nicht, also ich glaube, da mal innehalten, nachdenken und vielleicht umkehren, wäre kein Fehler, weil solche Ideen haben ja einen tieferen Sinn. Sie sollen den einzelnen glücklich machen. Sie sollen aber auch Gesellschaften überlebensfähig machen.

Also das sind schon sehr große und wichtige Werte, die sich dahinter verbergen.“

 

Aber wohin umkehren? Zum Nazi-Versteher werden?

Nach dem für Gote arrangierten Fest machen Gote, Dora und Franzi einen Ausflug.

Und während sie Eichelhäher füttern, erzählt ihr Gote von seinen rechtsextremen Aktionen vor Asylbewerberheimen.

 

„Nach Lichtenhagen gings noch weiter. Wir sind rumgefahren, ne richtige Tour. Wismar, Güstrow, Kröpelin. Haben in den Seen gebadet und im Auto gepennt. Abends Randale vor den Heimen.“(8)

 

Warum er ihr das erzähle, fragt Dora.

 

„Ich dachte, wir sind Freunde“, sagt Gote. Dora entgegnet, sie verstehe diesen Hass nicht. „Jeder hasst irgendwen. Sonst geht nichts voran“, sagt Gote. Blödsinn, meint Dora.

„Du hasst Nazis. Du hältst dich für was Besseres.“

 

An dieser Stelle explodiert Dora. Und sie will Gote sagen, „wie schlecht er ist. Menschenverachtend, gewaltbereit. Was für unfassbar dämliches Zeug seine Freunde auf YouTube labern und dass er sich seinen Hass sonst wohin stecken kann.“ (9) Und „dann fallen ihr nur zwei Sätze ein, und die schreit sie heraus: ‚Und ob ich was Besseres bin! Hundertmal besser als du!‘“.

Das hat sich zunächst gut angefühlt. „Aber auf den zweiten Blick ist dieser Satz die Mutter aller Probleme. Am Ortsrand von Bracken und im globalen Maßstab. Ein Langzeitgift, das die ganze Menschheit von innen zerfrisst.“ (10)

Gote, ein Rassist, der sogar eine ausländische Ärztin beschimpft, die ihn behandelt, hält sich für was Besseres - vor allem: Flüchtlingen und Ausländern gegenüber. Und Dora hält sich für was Besseres. Und ob!

Giftig … ist beides.

 

Noch einmal Juli Zeh, die die Szene zwischen beiden erfunden hat:

 

„Na ja, egal, was wir tun. Und wenn es auch etwas Schreckliches ist und egal, was wir denken und politisch wollen, darüber kann man streiten und muss es auch. Aber am Ende des Tages sind wir trotzdem alle Menschen. Und was uns verbindet, ist die Frage von Leben und Tod. Und da stehen wir zueinander optimalerweise und vergessen den Rest. Mal gerade eben. Und das beschädigt uns nicht, sondern ganz im Gegenteil. Das macht das Leben eigentlich reicher und schöner. Jetzt hab ich doch gepredigt, aber das macht nichts. Also Romane sind ja sowieso eigentlich Predigten.“

 

Zöllner, Sünder, verlorene Schafe - für Menschen, die mit der Bibel groß geworden sind, sind das lauter alte Vertraute. Und deshalb vollkommen harmlos.

Doch die Zöllner und Sünder waren keine eigentlich ganz netten Kerle, sondern zwielichtige Gestalten, nicht selten Verbrecher. Um ein Gefühl für den Skandal zu kriegen, dass Jesus mit solchen Leuten an einem Tisch sitzt, muss man heute vielleicht an Männer wie diesen Gote denken.

Jesus lässt den Kontakt mit Zöllnern und Sündern zu. Das heißt ja nicht, dass er ein Zöllner-Versteher ist und gut findet, was sie tun.

Es heißt bloß: er blieb im Kontakt. Manchmal führte das dazu, dass ein Zöllner sein Leben tatsächlich umkrempelte.

Manchmal.

Die Misserfolge stehen nicht in der Bibel, wir jedoch erleben sie.

„Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ (Lk 19,10)

Das ist das Gegenteil von Polarisierung, weder Paradies noch Apokalypse. So wird eine Existenzgemeinschaft auf diesem unendlich erwählten blauen Planeten angepeilt, in der es keine verlorenen Schafe gibt. Auf dem Weg dorthin ists notwendig, mir einzugestehen:

 

Ich bin nichts Besseres.

 

Das wäre bereits ein verdammtes Wunder.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Musik dieser Sendung:
 

  1. Intro Lazarus online

 

Literaturangaben:
 

  1. Juli Zeh, Über Menschen, München 2021, S. 83.
  2. Ebd., S. 84.
  3. Ebd., S. 316.
  4. Dorothee Sölle, Gegenwind, Erinnerungen, Hamburg 1995, S. 268.
  5. Zeh, Über Menschen, S. 355.
  6. Ebd., S. 355.
  7. Kurt Marti, Die gesellige Gottheit, Stuttgart 1989, S. 13 ff.
  8. Zeh, Über Menschen, S. 366.
  9. Ebd.
  10. Ebd., S. 367.