Wo ist denn nun Ihr lieber Gott?

Wo ist denn nun Ihr lieber Gott?
Zum Unfalltod eines Mtorradfahrers
16.08.2015 - 08:35

Diese Geschichte ist wahr. Die Namen habe ich verändert, denn es ist eine Geschichte aus der Seelsorge. Sie liegt schon lange zurück und so kann ich sie jetzt erzählen. Ein einzelner, ganz konkreter Fall. Viel zu viele gibt es davon. Ich kann nicht allgemein davon sprechen, denn ich war konkret gefragt, als Pastor, Seelsorger und Mensch. Und ich möchte davon sprechen. Dieser Fall hat mich lange beschäftigt. Und er hat mich verändert. Er hat mir gezeigt Gottes Gnade zu finden – da, wo ich sie nicht erwartet habe.

 

Es war eines Nachmittags, so um zwei Uhr klingelt das Telefon. „Können Sie einen Auftrag übernehmen?“ Der Beerdigungsunternehmer ist dran. Er teilt mir das Datum einer Beerdigung mit, ich notiere die Adresse und die Telefonnummer der Angehörigen und frage: „Was ist das für ein Fall?“ Der Unternehmer antwortet: „Ein schwerer Fall. Motorradunfall. 27 Jahre alt. Michael Ehrmann.“ Ich rufe die Angehörigen an und mache einen Termin für ein Gespräch zur Beerdigung aus. Am nächsten Nachmittag besuche ich die Trauernden. Damit beginnt eine lange seelsorgerliche Begleitung schwer getroffener Menschen.

 

Ich traf bei meinem Besuch zur Vorbereitung der Trauerfeier die Eltern des Verstorbenen an und die Ehegattin, hochschwanger. Später kamen noch zwei Geschwister hinzu. Das Gespräch begann mit einem langen Schweigen. Die Mutter brach das Schweigen. „Schön, dass Sie gekommen sind. Wir sind am Ende. Wir können nicht mehr.“

 

Ich fragte: „Wie ist es denn passiert?“ – „Er gehörte nicht zu denen, die sinnlos durch die Gegend rasen“, antwortete der Vater. „Er fuhr seit zehn Jahren Motorrad. Wir hatten es ihm zur bestandenen Führerscheinprüfung gekauft. Hätten wir es nur nicht getan! Er kannte seine Maschine in- und auswendig. Sie waren eine Einheit, Michael und sein Motorrad. Er hat sogar Rennen damit gefahren. Er hat aber nie gewonnen. Er war zu vorsichtig. Und nun, wo seine Frau… aber das sehen Sie ja selbst. Das ist das Schlimmste vielleicht, dass er sein Baby nicht mehr sehen kann. Er hat sich so darauf gefreut! Nie hätten wir gedacht, dass ihm so etwas passieren könnte.“ Ich fragte noch einmal, vorsichtig, wie es denn passiert sei. „Er wollte nur noch mal eine Runde drehen. Das beruhigte ihn immer nach seiner schweren Arbeit. Wie sozusagen an jedem Abend mit einigermaßen gutem Wetter. Er kam nicht zurück. Wir dachten uns zuerst nichts dabei, wir dachten, er würde irgendwo mit ein paar Motorradfreunden zusammenstehen. Das kannten wir schon. Bis dann ein Polizist vor unserer Tür stand. Er brauchte eigentlich gar nichts mehr zu sagen; als wir ihn sahen, wussten wir schon Bescheid. Unser Junge war von einem Autofahrer in einer Kurve gefunden worden. Der Polizist sagte, es wären vielleicht feuchte Blätter auf der Straße gelegen, und darauf ist er ausgerutscht. Er konnte nichts dafür! Es war nicht seine Schuld!“ Es hatte tatsächlich am Morgen des Unfalltages noch kräftig geregnet.

Ich sprach etwa drei Stunden mit den Eltern und der Ehefrau des verunglückten Motorradfahrers. Sein ganzes kurzes Leben kam zur Sprache, und seine Hoffnungen, die nun jäh zerstört worden waren. Zerstört waren auch die Hoffnungen seiner jungen Frau und seiner Eltern. Die ganze Familie war im Innersten verletzt und zutiefst verwundet.

 

 

Vier Tage später war die Beisetzung. [Die Friedhofskapelle war voll, mindestens hundert Trauergäste waren gekommen. Der Platz vor der Kapelle war voller Motorräder.] Was sagt man als Pastor in so einem Fall? Fromme Sprüche und kluge Bibelzitate helfen in einem solchen Augenblick nicht. Sie werden nicht einmal gehört; und wenn doch, lösen sie höchstens verständnisloses Kopfschütteln aus. Deshalb versuchte ich, eine Frage aus dem Gespräch aufzunehmen. „Sie fragten mich: Wie kann Gott das zulassen? Wieso hat Gott das gewollt? Als Zeuge Gottes sage ich hier in aller Klarheit: Es war nicht Gottes Wille, dass Michael diesen Unfall hatte. Den Gott gibt es nicht, der einen solchen Tod will. Im Gegenteil: Gott will das Leben. Ja, Gott selbst ist durch diesen Tod verwundet und verletzt. Michaels sinnloser Tod hat Gott in seinem Herzen getroffen. Denn Gott hat Michael geliebt. Die Liebe Gottes aber ist das eigentlich Mächtige an Gott. Sie besteht auch über den Tod hinaus. Michael ist mit seinem Motorrad gestürzt. Er ist tief gefallen, bis in den plötzlichen, unerwarteten Tod. Er konnte aber nicht tiefer fallen als in die Liebe Gottes. Und dort ist er geborgen.“

 

Ich wusste, das war keine Antwort. Ich versuchte dann, Wege aufzuzeigen, wie man mit dieser Liebe Gottes weiterleben kann, wenn ein Leben so plötzlich endet. Und damit das Leben überhaupt, das Gott doch will und liebt, so sehr verletzt wurde. Ich bat die Angehörigen, zusammenzurücken, beieinander zu sein und zu bleiben auf dem so brüchigen Eis, das wir Leben nennen. Ich ermutigte dazu, die Wut und die Trauer auszuhalten, die Tränen zuzulassen. Und ich sagte: „Oft ist das Schweigen miteinander mehr als 1000 Worte. So mag Gottes Liebe Gestalt gewinnen in Ihrem Leben nach Michaels Tod. Und so, das wünsche ich Ihnen, mögen Sie miteinander angesichts dieses Todes der Liebe Gottes begegnen.“ Ich merkte selbst, wie dürftig diese Worte waren. Ich war ja selbst hilflos, als Mensch und als Pastor gleichermaßen.

 

Nach der Trauerfeier für den verunglückten Motorradfahrer kam Michaels Mutter zu mir. Sie funkelte mich mit zornigen Augen an, packte mich mit beiden Händen an einer Falte meines Talars, schüttelte mich und schrie mich an: „Wo ist er denn nun, Ihr lieber Gott?“

 

In diesem Augenblick fiel mir eine Geschichte aus dem chassidischen Judentum ein. [Geschichten können sehr wirkmächtig sein, das war nicht das erste Mal, dass ich das erfuhr.] Der Rabbi erzählte seinen Schülern, dass nichts in der gesamten Schöpfung ohne Bedeutung sei. Alles habe seinen tiefen Sinn. Einer seiner Schüler fragte etwas sarkastisch: „Und der Atheismus? Hat der auch seinen tiefen Sinn?“ – „Gewiss!“ antwortete der Rabbi nach einer kurzen Pause des Nachdenkens. „Wenn du einen Menschen am Wegesrand sitzen siehst, und der hat Hunger und bittet dich um ein Stückchen Brot, dann sollst du ihn nicht an die Güte Gottes verweisen. Dann sollst du so tun, als gäbe es keinen Gott, sondern nur dich, und dann handle an diesem Menschen so, als wärst du selber Gott, und gib ihm zu essen.“

Ich bildete mir nicht ein, für irgendjemanden Gott sein zu können, und schon gar nicht für diese verzweifelte Mutter und in diesem Augenblick. Aber mir selbst wurde klar, dass ich mich nicht einfach abwenden konnte. Den Worten keine Taten folgen zu lassen – damit hätte ich meinen christlichen Glauben unglaubwürdig gemacht.

 

Also fragte ich die Mutter: „Sind Sie morgen um 10.00 Uhr zu Hause? Ja? Dann komme ich zu Ihnen.“ So geschah es auch. Vater und Mutter saßen mir gegenüber. Zwei Stunden lang. Gesprochen wurde nicht viel. Die Mutter weinte, der Vater versuchte, sie zu beschwichtigen, vergeblich. Ich merkte, mit einem Besuch am Vormittag war nichts gewonnen. Ich machte einen Termin zwei Tage später aus. Und dann noch einen Termin. Und noch einen. Immer saßen sie mir zu zweit gegenüber. Doch eines Tages war die Mutter allein. Der Vater war der Sitzungen überdrüssig geworden. Er sah keinen Sinn darin. Seinen Sohn konnte ich auch nicht wieder lebendig machen. Aber die Mutter bat mich, weiterhin zu kommen.

 

Zunächst galt es, die Fassungslosigkeit der Eltern auszuhalten. Sie äußerte sich darin, dass sehr wenig gesprochen wurde. Und wenn jemand sprach, zeugten die Worte von Unverständnis und Zorn. Manchmal war ich in der Versuchung, einfach meine Tasche zu nehmen und auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Was hatte ich schließlich mit diesen Leuten zu tun? Dann sagte ich mir, dass diese Menschen auch nicht einfach vor ihrem Leid flüchten konnten. Es galt, dem Leid gemeinsam eine Sprache zu geben. Jedes Wort, das die Gefühle trifft, hilft, sie zu ertragen und zu bewältigen.

 

Dann redeten wir darüber, wer Schuld daran habe, dass es zu dem Unfall gekommen war. Abwechselnd wurden alle Familienmitglieder bezichtigt, wenigstens eine Teilschuld mitzutragen. Die größte Schuld aber trage sie selbst, die Mutter. Sie hätte doch verhindern müssen, dass das Motorrad überhaupt gekauft wurde; sie hätte doch verhindern müssen, dass er an dem Abend noch einmal „auf Tour ging“, wie sie sich ausdrückte. Niemand ist an dem Unfall schuld, auch Michael selbst nicht. Und: Es gibt in dieser Welt Ereignisse, die sich jeder Schuldzuweisung entziehen.

 

Immer wieder machte ich einen Versuch, die Gespräche mit Michaels Mutter zu beenden. Zweimal in der Woche, das hat mich zeitlich und nervlich belastet. Aber jedes Mal verstand es Frau Ehrmann, wenigstens noch einen oder vielleicht auch zwei Termine zu erhalten. Endlich, zwei Jahre später, fing sie an, mir von Plänen zu erzählen. Sie wollte einen Ausflug machen und einem Verein beitreten. Ich sagte: „Frau Ehrmann, ich glaube, jetzt brauchen Sie mich nicht mehr.“ Sie zögerte eine Weile, sagte dann aber mit Nachdruck: „Sie haben Recht. Ich brauche Sie nicht mehr.“ Ich verabschiedete mich in dem Glauben, sie niemals wiederzusehen.

 

Jahre später bummelte ich über einen Wochenmarkt. Da stand plötzlich eine attraktive Frau in vorgerücktem mittlerem Alter vor mir. Sie schaute mich an und strahlte über das ganze Gesicht. Ich wirkte wohl etwas ratlos. „Sie kennen mich nicht mehr. Ich bin Frau Ehrmann.“ Ich musste schlucken und sagte: „Freilich kenne ich Sie noch. Ich habe Sie nur nicht gleich erkannt. Das letzte Mal, als wir uns sahen, schauten Sie noch anders aus. Aber wie ich sehe, geht es Ihnen gut.“ Sie lachte fröhlich und sagte: „Sie haben völlig Recht. Es geht mir wieder gut.“

Da wusste ich: Der Rabbi in der alten, jüdischen Geschichte hatte Recht. Hätte ich der Mutter gesagt, sie solle nur auf Gott vertrauen, wer weiß, ob sie je wieder so fröhlich hätte werden können. Ich war es selbst, ich war gefragt, für sie eine ganze Zeit lang da zu sein.

 

Ob die Mutter in meinen Bemühungen die Liebe Gottes zum Leben hat sehen können, das bleibt ihr Geheimnis. Dass mich Gott aber mit der Geschichte vom Rabbi in die Verantwortung genommen hat, diesem Menschen beizustehen, dessen bin ich gewiss. Und ich bin dankbar für die Kraft, die mir diese Gewissheit geschenkt hat.

 

Ich halte sie für eine Gnade Gottes, die er Menschen schenkt, wenn sie gebraucht wird. Vielleicht ist das nicht fromm, aber doch irgendwie göttlich:

 

„Wenn du einen Menschen am Wegesrand sitzen siehst, und der hat Hunger und bittet dich um ein Stückchen Brot, dann sollst du ihn nicht an die Güte Gottes verweisen. Dann sollst du so tun, als gäbe es keinen Gott, sondern nur dich, und dann handle an diesem Menschen so, als wärst du selber Gott, und gib ihm zu essen.“