Jenseits von Sieg oder Niederlage

Bundeswehrsoldaten vor Flugzeug

Bundeswehr / Torsten Kraatz/Torsten Kraatz

Soldaten der Bundeswehr steigen am 29.06.2021 in Mazar-e Sharif in Afghanistan, im Zuge der Rückverlegung und Ende der Mission Resolute Support (RSM), in ein Transportflugzeug. Nach 20 Jahren kommt der deutsche Afghanistan-Einsatz zum Abschluss. Der letzte Soldat hat nach Angaben der Bundeswehr am Dienstag das Land am Hindukusch verlassen. Im Laufe des Mittwochs (30.06.2021) wurden die Streitkräfte am Luftwaffenstützpunkt Wunstorf in Niedersachsen erwartet. Viele afghanische Ortskräfte haben ebenfalls ein Visum beantragt, um nach Deutschland übersiedeln zu können. (Siehe epd-Meldung vom 30.06.2021)

Jenseits von Sieg oder Niederlage
Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan
09.07.2021 - 06:35
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Die Gedanken zur Woche im DLF.

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Sie sind wieder zuhause – und sicher froh darüber. Die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr, die zuletzt in Afghanistan stationiert waren, und ihre Angehörigen. Manche werden das in einem Dankgebet auch Gott anvertrauen. Die Menschen in Afghanistan dagegen fragen sich umso mehr, was aus ihnen nun werden soll. Manche bilden Bürgermilizen. Sie wollen ihren offeneren Lebensstil gegen die reaktionär-islamistischen Taliban verteidigen. Im Norden des Landes haben sich offenbar 1000 Soldaten der Armee ins Nachbarland Tadschikistan abgesetzt, vermutlich weil sie diesen Kampf für aussichtslos halten. Angst um ihr Leben haben nun insbesondere diejenigen, die mit den Deutschen und den anderen ausländischen Truppen zusammengearbeitet haben. Die Sorge um sie spielte im Evakuierungsplan der Bundeswehr offenbar nur eine untergeordnete Rolle. Das werden die Menschen in den anderen Einsatzgebieten der Bundeswehr aufmerksam verfolgen und ihre Schlüsse daraus ziehen. Dieses kühle Im-Stich-Lassen ist nicht nur ein fatales politisches Signal, sondern auch menschlich fragwürdig. Gut, dass sich manche noch kümmern. Ein Hoffnungsschimmer.

Nun beginnt die Rückschau: Was war das eigentlich – neben Brunnen bohren und Mädchenschulen bauen? „Ein Krieg“ sagte dazu die evangelische Bischöfin Margot Käßmann. Und Bundesinnenminister Seehofer stimmte ihr zu. Ging er verloren? Wurde er gewonnen? „Mission erfüllt“, sagte Kommandeur Ansgar Meyer bei der Ankunft der letzten Maschine etwas nebulös. Eine hochrangige Person der Regierung war nicht dabei. Auf Wunsch der Soldaten und Soldatinnen, heißt es. Sie wollten in aller Stille heimkehren. Mein Respekt für diese ehrliche Einschätzung. So kommen eher Verlierer heim als Sieger.

Aber diese Kategorien taugen beim Afghanistan-Einsatz nicht. Auch auf die Frage, ob dieser Einsatz nun richtig war oder nicht, gibt es keine einfache Antwort. Ich, der Friedensbewegte, habe das lange diskutiert mit meinem Bruder, dem Bundeswehroffizier.

Wir beide kennen den politischen Streit gut. Als Vertreter verschiedener Lager haben wir ihn Jahrzehnte lang ausgefochten. Dabei waren wir uns, wiewohl beide Christen, selten einig. Außer beim Afghanistan-Einsatz. Da fragte er, der stets Bundeswehr-Loyale, skeptisch, was die Kameradinnen und Kameraden da eigentlich erreichen sollen. Und ich, der Militär-Kritische, zweifelte, ob man wirklich die Menschen dort dem Regime militanter Islamisten überlassen dürfe.

Verunsichert trafen wir uns im Zwischenraum unserer Weltbilder, in der Ratlosigkeit. Aber auch im gegenseitigen Respekt. Das war einerseits ein schöner Moment. Denn nun mussten wir uns nicht mehr so unbedingt überzeugt geben, sondern konnten unsere Ratlosigkeit miteinander teilen. Andererseits war es ein trauriger Moment, denn wir blickten in einen Abgrund: auf einen Konflikt, für den es keinen echten Frieden zu geben scheint. Mir fällt es schwer, das zu akzeptieren. Aber für manche Probleme gibt es vermutlich keine gute Lösung. Da haftet allem, was man tut oder nicht tut, eine Schuld an. Das Leben bleibt in Teilen unheil.

Wie kommt man damit zurecht? Im Falle Afghanistans machen es viele wie die drei berühmten Affen: Nicht hinschauen, nicht hinhören, nichts dazu sagen. So kommt es, dass die deutsche Armee aus einem fast 20-jährigen Einsatz zurückkehrt und kaum jemand nimmt davon Notiz. Ich finde das unwürdig. Immerhin: Manche versuchen daraus Lehren zu ziehen. Das ist sicher gut.

Ich als Christ bin in solchen Situationen froh um meinen Glauben. Ein Dilemma kann ich am Ende Gott anvertrauen. Zuerst habe ich natürlich sorgfältig zu erwägen, was besser zu tun und zu lassen ist. Dafür hoffe ich auf Gottes Geleit und Barmherzigkeit. Das ermutigt zum Hinschauen und zum Handeln – ohne vorher genau zu wissen, in welchem Maße es sich am Ende als richtig oder falsch erweisen wird.

Etwas davon wünsche ich den 160.000 Soldatinnen und Soldaten, die in Afghanistan eingesetzt waren, und auch denen, die an anderer Stelle dafür mitverantwortlich sind.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

 

 

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