Raus aus dem Niemandsland der Hoffnung

Gemeinfrei via unsplash/ Rodrigo Rodriguez

Raus aus dem Niemandsland der Hoffnung
Gedanken zur Woche mit Pfarrer Stephan Krebs
27.05.2022 - 06:35
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Die Gedanken zur Woche im DLF.

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In turbulenten Zeiten orientierungslos und alleine gelassen. So habe ich mir die Jüngerinnen und Jünger immer vorgestellt. Nach Christi Himmelfahrt. Oben auf dem Ölberg neben Jerusalem stehen sie beieinander, ein verängstigtes Häuflein. Und Sie schauen in den Himmel. Sie sehen, wie Jesus, ihr Meister, ihre Leitfigur aufsteigt und entschwindet. Weg aus allem. Sie aber bleiben zurück. Gerade noch staunend. Jetzt mit bangem Herzen, weil sie wissen: Wir können hier nicht weg. Wir bleiben hier – mit allem was da ist. Mit dem Durcheinander, mit den ungelösten Fragen. Mit der drohenden Zukunft. Kein gutes Gefühl.

Das habe ich gerade auch manchmal – mit allem, was einen aus der Welt so anspringt. Mit dem Krieg und all seinen Folgen: steigende Preise, Knappheit und flüchtende Menschen. Hilfloses Sorgen statt gemeinsam zu kämpfen für das, was den Kampf wirklich lohnt: eine lebenswerte Zukunft für kommende Generationen und die ganze wunderschöne Tier- und Pflanzenwelt auf diesem Planeten.

Dazu immer noch das Virus. Viele verängstigt es nach wie vor, andere wollen sich mit aufgestauter Lebenslust davon endlich lossagen. Gleichzeitig taucht schon ein neues Virus auf. Man fährt sozusagen von einem Tunnel in den nächsten. Auf einem steht „Made in China“. Aus dem Land kommen viele unserer Gebrauchsgüter, obwohl es viele Menschen brutal unterdrückt. Sie haben in dieser Woche konkrete Gesichter und Lebensgeschichten bekommen.

Ich sehne mich einfach danach unbeschwert zu sein, die Frühlingssonne zu genießen, vielleicht ein bisschen Nähe und Liebe zu spüren. Stattdessen immer neue Sorgen und Ungewissheiten. Viele können es nicht mehr hören, sie versuchen abzuschalten.

Orientierungslos und alleine gelassen in turbulenten Zeiten. So fühlt es sich für viele gerade an. Wie damals bei den Jüngerinnen und Jüngern in der Zeit zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Im Niemandsland der Hoffnung.

Was machen sie damit? Ich habe mir immer vorgestellt, dass sie mit hängendem Kopf nachhause trotten. In Katerstimmung. Ohne Plan. Bis Pfingsten. Bis Gottes Geist sie da rausholt, neu aufbaut und mit neuer Hoffnung losschickt in die Welt.

Jetzt habe ich es nochmal nachgelesen. In der Bibel. Apostelgeschichte, Kapitel 1. Und ich habe gestaunt: Es war anders. Während die Jüngerinnen und Jünger dem aufsteigenden Jesus hinterherschauen, stehen neben ihnen schon zwei weiße Gestalten. Ganz ähnlich wie Ostern, im leeren Grab Jesu. Die beiden Lichtgestalten zeigen mit ihrem bloßen Da-Sein: Ihr seid nicht allein. Ihr habt euch – und Gott. Ihr seid auch nicht ohne Plan. Ihr habt eine Aufgabe. Die beiden Boten Gottes versprechen ihnen: „Jesus wird wieder bei euch sein. Geht nachhause. Macht Pläne. Habt Hoffnung.“

Und das machen die Jüngerinnen und Jünger auch. Sie verlassen den Ölberg und gehen hinunter nach Jerusalem. In ihr Haus, wo sie sich vorher schon getroffen haben. Sie vergewissern sich Gottes im Gebet. Sie machen sich bereit für die Zukunft. Sie stellen sich neu auf.

Ich finde: Das ist auch für jetzt genau das richtige. Das will ich tun: Neu aufstellen. Ich will Ausschau halten nach den Lichtgestalten um mich herum, die für Gottes Verheißungen einstehen. Ich will meine Freude am Leben allen Sorgen entgegenstellen. Ich will annehmen, dass Gott eine Zukunft vorgesehen hat. Und fragen: Was kann ich dafür tun? Vieles ist ziemlich klar: Wieder zum Frieden kommen. Lebensmittel wieder gut verteilen, und zwar weltweit. Den Alltag so umbauen, dass die Menschenrechte in den Erzeugerländern gewahrt werden. Dass die Ressourcen reichen. Auch noch für Morgen.

Es gibt dafür Zeichen der Hoffnung. Wie die beiden Lichtgestalten. So schrecklich der Krieg ist: Er verhindert nicht nur, er beschleunigt auch die Arbeit an den Lösungen. Er bringt Menschen zusammen, die das wirklich vorantreiben. Viele haben den Ernst der Lage begriffen. Das ist gut. Raus aus dem Niemandsland der Hoffnung!

Es gilt das gesprochene Wort.

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