365 Tage glücklich wäre Schwerstarbeit

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„Ich wünsche Euch

ein Jahr ohne Sorgen,

mit so wenig Ärger wie möglich und
so viel Freude wie nötig,

um 365 Tage lang rundum glücklich zu sein.“

 

So stand das in einer Mail kurz vorm Jahresende.

Und in einer Buchhandlung fand ich eine ganze Glücksecke. Geschichten, die glücklich machen. Oder – 365 Tage voller Glück. So die Titel.

Im neuenJahr also dreihundertfünfundsechzig Tage lang rundum glücklich sein?

Geht das überhaupt? Nein, es geht nicht. Das wäre viel zu anstrengend.

Denn die Suche nach dem Glück ist ungeheuer anstrengend, sie setzt unter Druck, sie macht Stress. Schier endlos ist die Zahl der Ratgeber für ein glückliches Leben.

 

Wer sich auf die Glücksratgeber einlässt, macht eine entscheidende Voraussetzung:

Wir Menschen sind für unser Glück selbst verantwortlich. Kurz: Du kannst dein Glück machen.

Ach, warum nur sind so viele Menschen so verrückt nach dem Glück? Könnte es womöglich sein,

dass sie „sich unglücklich machen, nur weil sie glauben, ohne Glück nicht mehr leben zu können“? (1)

Das Leben scheint erst dann als erfüllt zu gelten, „wenn es mit dem Gefühl der Freude einhergeht und sich energiegeladen und lebendig anfühlt.“ (2) Das ganze Jahr 2019, 365 Tage lang in diesem Sinne rundum glücklich - o Gott, was für ein Stress! Schwerstarbeit wäre das!

 

Auch im gerade begonnenen Jahr wird es Freude geben. Und Leid. Gelingen und Misslingen, Gesundheit und Krankheit, Erfolg und Misserfolg, nicht allein „erfüllte Tage, sondern auch leere Tage“, aber: „hundert Tage, die als leer und langweilig empfunden werden, sind vollkommen gerechtfertigt für einen einzigen der überbordenden Fülle.“ (3) Finde ich.

Ich wünsche mir ein Glücklichsein, „bei dem das Unglücklichsein nicht ausgeschlossen werden muss, sondern mit einbezogen werden kann.“

 

Friedrich Holländer hat zu diesem Gedanken ein Lied komponiert. Marlene Dietrich hat es gesungen.

 

„Wenn ich mir was wünschen dürfte,

Käm‘ ich in Verlegenheit
Was ich mir denn wünschen sollte
Eine schlimme, oder gute Zeit
Wenn ich mir was wünschen dürfte
Möcht' ich etwas glücklich sein
Denn wenn ich gar zu glücklich wär‘
Hätt‘ ich Heimweh nach dem Traurigsein.“

 

Das ist ein melancholisches Lied.

Aber vielleicht ist‘s gerade die Melancholie, die Menschen, diese Spannung aushalten lässt,

die Spannung zwischen Glück und Schmerz und die Spannung zwischen der Sehnsucht nach Glück und dem Wissen darum, dass Glück nicht machbar und nicht haltbar ist.

 

Psalm 73 betet in dieser Spannung, er benennt Unrecht und Unglück und schreit: „ich war wie ein Tier vor dir.“

Aber „dennoch bleibe ich stets an dir;

Denn du hältst mich bei meiner rechten Hand.

Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.

Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte.“

        

Der Glaube richtet den Blick nach oben, auf Gott.

So werden Menschen frei vom dauernden Kreisen um sich selbst.

Die Menschen, ihres eigenen Glückes Schmied? Nein, das macht jemand ganz anderes.

Glück – lerne ich aus Jesu Seligpreisungen – ist für alle Menschen möglich oder für keinen.

Das Glück, auf Kosten anderer zu leben, schmeckt nicht. Und meine kleine, vermeintlich heile Welt ist sogar für mich zu eng. Noch 358 Tage im Jahre 2019 rundum glücklich? Das geht doch gar nicht. Erst recht nicht bloß für mich allein.

„Wenn ich mir was wünschen dürfte, möcht' ich etwas glücklich sein.“

 

Das ist eine sympathische Idee für 2019, und eine entlastende. Denn auch in diesem neuen Jahr wird es leere Tage geben. Und Ärger und Enttäuschungen und Leid. Aber „dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand. Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.“

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Literaturangaben:

  1. Wilhelm Schmid, Glück, Alles, was Sie darüber wissen müssen, und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist, Frankfurt am Main 2013, 7
  2. Stefanie Duttweiler, Vom wahren und falschen Leben, Glücksratgeber als Lebenshelfer im Neoliberalismus, in: PrTh 1/2010, 7
  3. Wilhelm Schmid, a.a.O., 31

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