Die Geschichte eines Kalziumatoms

Morgenandacht
Die Geschichte eines Kalziumatoms
05.02.2019 06:35
03.01.2019
Autor des Textes: Eberhard Hadem
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Der österreichische Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Raoul Schrott hat die Geschichte eines Kalziumatoms aufgeschrieben: Da ist ein Kalziumatom in meinen Knochen, das in einem der ersten Gestirne eine halbe Jahrmilliarde nach dem Urknall entstand und durch die Evolution dieses Sterns äonenlang im Weltraum trieb, bevor es von einer Gaswolke angezogen wurde, die zu einer neuen Sonne zusammenfiel, welche erneut explodierte: Ein Zyklus, der sich mehrmals wiederholte, bis dieses Atom vor fünf Milliarden Jahren von einer glühenden Staubscheibe eingefangen wurde, die sich zur Erde zusammenballte, um darauf Teil des Ozeans, einer Muschelschale, eines Kalkriffs und einer Ackerfurche zu werden, deren Pflanze ich gegessen habe, so dass es sich nun irgendwo in meinem Schlüsselbein oder Knie einlagert, um bald wieder abgebaut zu werden, im Urin ausgeschieden erneut in die Erde überzugehen und mit ihr in weiteren fünf Milliarden Jahren auf die dann nur noch planetengroße, ausgebrannte Sonne zu stürzen. (1)

Raoul Schrott sieht darin einen Beweis, dass Gott als Schöpfer von Himmel und Erde, von Mensch und Tier nicht mehr gebraucht werde. Weil die Wissenschaft die Natur ohne Gott als Verursacher erklären kann.

 

Die Geschichte des Kalziumatoms ist eine großartige Erzählung. Doch nichts an ihr zwingt mich dazu, sie ohne Gott zu denken. Im alten Streit zwischen der Evolutionstheorie und der biblischen Schöpfungsgeschichte gibt es viele blinde Flecke, nicht nur auf einer Seite. Auch manche Naturwissenschaftler könnten sich von einigen Mythen verabschieden, an denen sie sich seit der Aufklärung abarbeiten. Zum Beispiel von der mechanistischen Vorstellung, dass Christen Gott allein als Verursacher der Erde und der Menschen denken. Als wäre Gott ein Uhrmacher, der die Erde in den Weltraum gehängt habe wie eine Uhr an die Wand, und jetzt laufe die Natur ab wie ein Uhrwerk und die Naturwissenschaft versuche diesen Ablauf zu verstehen.

Was ist das für eine Vorstellung, dass das Kalziumatom aus einem Tohuwabohu kommt und in einem anderen Tohuwabohu verschwinden wird? Ist das alles, was scheinbar objektiv über diese Erde gesagt werden darf?

 

Der Nobelpreisträger Steven Weinberg sagt in einem Gespräch über die Erforschung der Natur: Wie weit auch immer wir kommen werden auf der Suche nach einer letztgültigen Theorie, so werden wir doch nie erfahren, warum die Naturgesetze so sind, wie sie sind. (2) Als Christ stelle ich die Fakten der Naturwissenschaft nicht in Frage. Aber wie wir als Bewohner dieser Erde, umgeben von unserer Mitwelt, diese Fakten bewerten – das ist die Frage, bei der die Religion gute Argumente hat. Und da ist die Geschichte des Kalziumatoms eine großartige Erzählung. Weil sie lehrt, dass die Elemente dieser Erde, ja des ganzen Alls, älter sind als wir – und sich diese Elemente immer noch und immer wieder entwickeln und verändern, vollziehen und geschehen. Die Rhythmen, in denen sie das tun, vollzogen sich lange und vollziehen sich immer wieder, ehe der erste Mensch überhaupt die Augen aufschlug. Und das, was vor kaum vorstellbaren Äonen, vor Jahrmilliarden geschah, das geschieht auch jetzt heute Morgen, in jedem einzelnen, kurzen Moment. Und es geschieht in uns, ehe uns ein Gedanke dazu einfällt. Die Rhythmen, die hier am Werk sind, bewahren uns und unser Leben bis in die heutige Stunde und über sie hinaus. (3) So beschreibt Jörg Zink diesen Vorgang. Das Kalziumatom zeigt mir, dass die Rhythmen, die hier am Werk sind, nur ein anderer Name für das sind, was der Geist Gottes wirkt.

 

Die Bibel sagt es schlichter: Gott ist alles in allem (1. Kor. 15,28). Man kann sich darüber streiten. Das eigentlich Spannende ist aber die Frage: Wie verändert sich meine Welt, wenn ich glaube: Gott ist in ihr? Wie gehe ich mit ihr und meinen Mitmenschen um, wenn ich das glaube?

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

  1. Raul Schrott. Erste Erde Epos. Hanser München 2016, Seite 22
  2. Steven Weinberg im Gespräch mit Stefan Klein. In: DIE ZEIT Nr. 15 vom 2. April 2009: https://www.zeit.de/2009/15/Klein-Weinberg-15/komplettansicht
  3. Jörg Zink. Ufergedanken. München 2017, Seite 106f.

 

03.01.2019
Autor des Textes: Eberhard Hadem