Psalmen der Menschenfreundlichkeit

Wort zum Tage
Psalmen der Menschenfreundlichkeit
28.08.2020 - 06:20
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Die Psalmen in der Bibel sind zwei in einem: Gebet und Gedicht. Es sind Gespräche mit Gott, die viele Menschen geführt haben. Wir kennen ihre Namen nicht, wissen nichts von ihnen, haben nur diese Zeilen, ihre Bitten und Klage, ihren Jubel und Dank. Lebensfetzen, die in Gottes Ohr gehören. Manchmal sind die alten Worte so stark, das sie mich überrollen. Und manchmal, da ist es so, als ob sie mir den Tisch deckten mit köstlichen Dingen. Die Psalmen sind ein Gebetbuch für ein ganzes Leben.

Dann gibt es da noch ein Buch. Mein zweites Psalmenbuch. Eigentlich ist das gar kein Buch. Es sind Lieder, 500 Stück – mehr als viermal so viele wie Gebete im biblischen Psalmenbuch enthalten sind. Die Lieder stammen aus der Feder eines einzigen Liedermachers. Er besingt darin seine Kindheit, seine Schulzeit, seine Stadt Berlin, die Freiheit über den Wolken. Er besingt Alltagsgeschichten und Gefährtinnen, Annabell, Charlotte und Christine. Und er besingt seine Kinder, die ihm zum Apfelbäumchen geworden sind. Er besingt seine Freunde, das Meer und den Sommermorgen. Nach rund 500 Liedern fragt man sich, ob es irgendwas gibt, was Reinhard Mey noch nicht besungen hat. Klar, über das Butterbrot, über Pöter, ausgebüxte Senioren, bunte Hunde und unser Land, ein Narrenschiff, kann man auch noch singen. Dann sind da diese Zeilen, die es immer wieder schaffen, Tränen-Schleusen zu öffnen. Die an die alten Schmerzpunkte rühren. Es gibt mehr als ein Lied, das so tröstet, also ob es nur einzig und allein gegen meinen Kummer geschrieben worden sei. Die Melodie, die mich immer wieder neu berührt, ob ich sie nun zehn oder zwanzig Mal summe. Seine Lieder erzählen mir von Menschen, denen ich nie begegnet bin, die mir aber nach zwei, drei Strophen vertrauter sind als mancher Nachbar. Das Lied über Otto Lilienthal und seinen Traum vom Fliegen etwa. Ich steige in kein Flugzeug, ohne diese zart auffliegende Tonfolge für einen Moment im Kopf. Oder der besungene Hausarzt aus Kindertagen, Dr. Berenthal. All das sind für mich Psalmen von heller Menschenfreundlichkeit. Reinhard Mey besingt in ihnen die Verrückten, die Abgebrochenen, die an die Wand Gedrückten. Das sind die Seligen für ihn. Für die Bibel auch. Da treffen sich die beiden. Und wenn auch sonst Welten und Zeiten zwischen beiden liegen. Ich brauche die alten und die neuen Lieder der Menschenfreundlichkeit, damit sie mein Gebet werden, mit dem ich Gott in den Ohren liege und ihn immer wieder erinnere: Bleib ein Freund und eine Freundin für alle, die du ins Leben gerufen hast und denen du dein Päckchen gegeben hast. Bleib ein Menschenfreund und eine Menschenfreundin. Und wenn es keinen stört, dann singe ich dieses Gebet auch gern – wenn auch sicher nie so schön wie Reinhard Mey zum Beispiel.