Gott fürchten

Wort zum Tage
Gott fürchten
29.07.2021 - 06:20
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Beinahe zornbebend stand er vor mir. „Was haben Sie da Schreckliches gesagt! Das man vor Gott Angst haben muss!“ Ich war erschrocken und ratlos. Wann hatte ich gesagt, dass man vor Gott Angst haben müsse? In der Predigt ganz sicher nicht. In den biblischen Texten, die ich vorgelesen hatte? Ich ging sie innerlich noch einmal durch. Angst haben vor Gott? Nicht die Spur. „Doch!“ beharrte mein Gesprächspartner. „Ganz am Anfang haben Sie das gesagt!“  Da fiel mir der Bibelspruch ein, mit dem ich den Gottesdienst eröffnet hatte: „Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.“  Ich sagte: „Das Wort fürchten bedeutet hier nicht Angst-haben, sondern Ehrfurcht empfinden.“ Er daraufhin: „Ja, das hätten Sie aber auch sagen müs-sen! Jetzt könnten doch Ihre Gottesdienstbesucher tatsächlich mit Angst vor Gott im Herzen nach Hause gehen!“ Ich schloss das für meine Gemeinde aus. Ich bin sicher, sie wissen sich von Gott geliebt. Doch vermute ich, dass die Beziehung oder besser Nichtbeziehung vieler anderer Menschen zu Gott tatsächlich von bewusster oder unbewusster Angst vor ihm be-stimmt ist. In einer interessanten Übertragung des Vaterunsers gab es dazu eine aufschluss-reiche Fehlübersetzung. Wo es im Deutschen normalerweise heißt: „Und vergib uns unsere Schuld“ stieß der erstaunte Leser auf die Worte: „Und erwisch uns nicht, wenn wir sündi-gen!“ Das Wort Sündigen strengen Sinn ist weithin aus der Mode gekommen, die Sache nicht. Sie bedeutet ein Leben in Selbstbezogenheit, im Egoismus. Es bedeutet zu leben und zum Bei-spiel vom Shoppen oder von der Geldvermehrung die höchste Sinnerfüllung zu erwarten. Im radikalen Sinn ist es ein Leben ohne Gott oder sogar gegen Gott. In ein solches Leben ist die Angst vor Gott sozusagen hineinprogrammiert – was geschieht mit mir, wenn ich in meiner Gottferne auffliege? Wenn Gott mich dabei erwischt? Wie komme ich von der Furcht zur Ehr-furcht? Das Schlüsselwort in dem zitierten Spruch lautet Vergebung. Bei Gott ist die Verge-bung. Das heißt: Was immer ich getan habe, wer immer ich gewesen bin, in welche Tiefen, auch kriminelle, ich gesunken bin: Gott rechnet es mir nicht mehr vor. Er verwendet es nicht mehr gegen mich; legt mich nicht darauf fest. Vor ihm habe ich sozusagen wieder eine weiße Weste.  Ich kann anfangen, anders zu leben, ich habe eine neue Chance. Darin soll es keine Furcht vor Gott mehr geben. „Furcht ist nicht in der Liebe“, heißt es (1. Johannesbrief 4, 18). Das ist wirklich staunenswert – und ehrfurchtgebietend.

Es gilt das gesprochene Wort.