Kirchenruine

Wort zum Tage

Gemeinfrei via unsplash/ Kirsten Drew

Kirchenruine
von Evamaria Bohle
12.06.2024 - 06:20
17.03.2024
Evamaria Bohle
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Karge Kirchenräume öffnen mich. Gemäuer, denen man das Altsein ansieht. In denen Geldmangel, vielleicht auch Gleichgültigkeit, in jedem Fall die Zeit ihre Spuren hinterlassen hat. Rohe Wände. Abblätternder Putz. Vergangene Pracht. Auch Ruinen berühren etwas in mir: Spitzbogenfenster ohne Glas, ein offenes Dach. Eine schwere Tür gibt es noch im Gemäuer, dunkles Holz, ein imposantes Schloss sogar. Obwohl es eigentlich nichts mehr zu verschließen gibt. Ein leerer Raum ist eine solche Kirche. Ein steinernes „Es war einmal“, allerdings ohne Erzählerin.

Aber die Natur ist zurückgekehrt: Mauerblümchen und Spitzmaus, Birkenschößling und Löwenzahn, Tauben gurren und Mücken tanzen. Das sogenannte Unkraut wuchert und blüht und sät sich aus. Die Hoffnung trägt wieder grün. Vielleicht weht ein leichter Wind, wo einmal Gebete gesungen wurden und das Wort G’tt auch mit Hoffnung zu tun hatte, und mein Herz öffnet sich: Komm, Heiliger Geist.

Das Wispern des Gesteins, die leise Wehmut des „Alles hat seine Zeit“, der Geruch des „Vorbei“ stellt meine selbstsichere Gegenwart in Frage. Wie vorübergehend das Leben ist. Wie kurzweilig. Die Häuser, die wir bauen, sogar die Gotteshäuser - einsturzgefährdet. Wie auch mein Sein. Der Mensch - „ein Gras, das am Morgen blüht und sprosst und des Abends verwelkt“, steht in der Bibel.

Die alten, leeren Kirchen sind wie Raumstationen im Universum des Christentums. Verwaiste Stützpunkte, vergessene Herbergen, versunkene Heimathäfen. Einst durchbetete Räume. Noch als Ruinen bergen Kirchen Träume und Tränen und tausend andere Dinge, die Menschen in Herz und Hirn mit sich herumtragen.

Karge Kirchenräume haben viel zu erzählen, auch wenn niemand mehr in ihnen spricht. Gerade, wenn niemand spricht, wenn die Stille sich entfalten kann, um mich herum, in mich hinein. Mein Herz öffnet sich. Ich lausche: Was geht da in Resonanz? Komm, Heiliger Geist.

Ich werde still in den geborstenen Kirchenräumen. Geliebtes Kind G’ttes, wenn auch schon lange kein Kind mehr. Werde still und lehne mein Ohr ans Gemäuer, lausche hinein in das, was sich zeigt im Verfall, in den religiösen Spuren derer, die vor mir waren.

Ich lausche hinein in Räume, Worte und Lieder, stehe in den Ruinen des Volkes G’ttes, zu dem ich glaube zu gehören, und freue mich am Löwenzahn. Wir sind auf der Durchreise in Raum und Zeit. Festhalten macht nicht viel Sinn. Wir wohnen in den Ruinen von morgen. Die G’tteshäuser der Zukunft kennen wir nicht: Komm, Heiliger Geist.

Es gilt das gesprochene Wort.

17.03.2024
Evamaria Bohle