O je

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Oje, fährt es mir am Montagmorgen vor Weihnachten durch den Kopf. Nur noch eine Woche. Mein Terminkalender ist randvoll. Ich brauch noch Geschenke. Mit Freunden wollte ich noch einen Becher Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt trinken. Und da wär noch ein schönes Adventskonzert und eine Adventsandacht, in die ich gehen wollte ….und und und.

O je. Die Woche vor Weihnachten ist voll.

 

O je – das ist Seufzen, Erschrecken, Bedauern. Und es ist noch mehr: ein abgekürztes „O Jesus“. Lateinisch: „o Jesu Domine“; das dann übrigens zu „ojemine“ geworden ist.

 

Das Seufzen über den Stress kurz vor Weihnachten bringt mich dann auf eine alte Tradition. Ich kenne sie von der Michaelsbruder- besser: Michaelsgeschwisterschaft, einer evangelischen Gemeinschaft, die alte Klostertraditionen neu mit Leben füllt. In Klöstern wird seit alters her in der letzten Woche vor Weihnachten kräftig geseufzt und leidenschaftlich Ooo gerufen.

 

Die Zeit ab 17. Dezember heißt Hoch-Advent. Das Warten auf die Ankunft des Christus wird von Tag zu Tag drängender. Und das drückt sich so aus: Jeden Tag bis Weihnachten wird der Ersehnte mit einem ganz besonderen Namen angerufen: O komm doch. O Weisheit, Adonai, Wurzel Jesse, Schlüssel Davids, Morgenstern, König der Völker, Immanuel. Komm doch endlich!

 

Diese Worte und Bilder stammen aus dem Warten im Alten Testament. Warten vor allem auf den Messias. Und sie klingen erst einmal sperrig, fremd. Aber weil sie fremd sind, erinnern sie mich, worum es eigentlich im Advent geht: Um das Warten auf den Christus.

 

Und dieses Warten ist kein gemächliches Abwarten, es ist energisch, drängelnd, sehnsuchtsvoll, auch stressig manchmal. Wenn ich mir wie jedes Jahr wünsche, dass der Dezember etwas ruhiger wäre, dann erinnern mich die O-Rufe: Nein! Das Warten auf den Christus ist nicht ruhig. Zumindest nicht nur. Es hat mit Leidenschaft zu tun, es fordert mich heraus. Christus ist nicht oder jedenfalls nicht nur der holde Knabe im lockigen Haar. Er ist der kraftvolle Mann aus Nazareth, in dem Gott selbst in meinem Leben ankommen will.

 

Ich frage mich: Kann es sein, dass die Hektik vor Weihnachten auch eine Art Kostüm ist, worin sich das drängende Warten auf Gott, auf den Christus verkleidet?

 

In den Stressmomenten der letzten Woche vor Weihnachten will ich einen Schritt zurücktreten, kurz innehalten und mich erinnern: Es geht um das Kommen des Christus zu mir, in mein Leben, in meine Welt. O je! Ja: O Jesus, komm.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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