Christliche Prägung

Pfarrer Gereon Alter

Guten Abend, meine Damen und Herren.

Der morgige Sonntag ist ein guter Tag, um einmal über die viel beschworene „christliche Prägung“ unseres Landes nachzudenken. Morgen ist der „Weiße Sonntag“. Kleiner Test: Wissen Sie noch, warum der so heißt? – Laufen da nicht die Mädchen in weißen Kleidern zur Kirche? Ja, in vielen katholischen Kirchengemeinden wird an diesem Tag die Erstkommunion gefeiert und dafür ziehen sich die Kinder festlich an. Aber da kommt der Name gar nicht her.

Der „Weiße Sonntag“ erinnert vielmehr daran, dass der christliche Glaube mal eine ausgesprochen öffentliche Angelegenheit war. Wer sich in den ersten Jahrhunderten zu einem Leben als Christ entschied und sich taufen ließ, der legte zum Zeichen dafür seine alte Kleidung ab und trug über Tage hinweg ein weißes Gewand – so, dass es alle sehen konnten: der ist nun Christ und lebt als solcher. Das muss eindrucksvoll gewesen sein. Denn es waren nicht wenige, die sich für einen solchen Neuanfang als Christ entschieden haben. Und ihre Art zu leben und sich für andere einzusetzen hat auch Nicht- und Andersglaubende schwer beeindruckt. „Seht, wie sie einander lieben!“ Dieses heute oft durch den Kakao gezogene Wort stammt aus dieser Zeit und war durchaus ernst gemeint.

Wie steht es heute um die „christliche Prägung“ unserer Gesellschaft? Gehört das Christliche in die Öffentlichkeit oder nicht? – Die einen sagen „Ja“, starten Missionskampagnen und geben entsprechende Manifeste heraus. Die andern sagen „Um Gottes Willen! Glaube ist Privatsache. Das hat nichts in der Öffentlichkeit zu suchen.“ Und dann gibt es noch die, die zwar viel von der christlich-abendländischen Tradition reden, in ihrem Denken und Handeln aber wenig davon erkennen lassen.

Ich meine, dass der christliche Glaube in die Öffentlichkeit gehört. Aber: wo Glaube drauf steht, muss auch Glaube drin sein! Wer die christliche Prägung unseres Landes erhalten will, der sollte sich schon auch selbst vom christlichen Glauben prägen lassen. Und der sollte es vor allem tunlichst unterlassen, diesen Glauben gegen andere ins Feld zu führen. Weder gegen Menschen anderen Glaubens, noch gegen Menschen anderer Herkunft. Denn das ist nun überhaupt nicht vereinbar mit dem, was Jesus Christus uns als Erbe und Auftrag hinterlassen hat.

Wie aber dann? Wie kann die christliche Prägung unseres Landes in einer Weise erhalten bleiben, die für alle gut ist? – Mir schwebt eine qualifizierte Minderheit vor. Christen müssen nicht die Mehrheit unserer Gesellschaft bilden. Sie müssen auch nicht zu allem und jedem etwas sagen können. Es reicht in meinen Augen, wenn sie das, was sie glauben, ernst nehmen und im Alltag leben. Wenn dann andere aufmerksam werden und fragen „Woher nimmst du die Kraft zu diesem oder jenem Engagement?“ oder „Wie bist du zu dieser Entscheidung gekommen?“, dann sollten sie darüber in aller Bescheidenheit Auskunft geben.

Ich sehe eine junge Generation von Christen heranwachsen, die genau das versucht. Frei von allem Machtkalkül und von aufsässigen Missionsabsichten leben sie ihren Glauben

bescheiden in der Öffentlichkeit. Zum Beispiel: wenn jemand ein schönes Erlebnis bei Facebook postet und dann ganz dezent den Hashtag „Dank Gott“ hinzufügt. Oder wenn ich bei einem Hausbesuch eine Bibel auf dem Tisch liegen sehe, in der tatsächlich gelesen wird. Oder wenn ein Politiker sich erkennbar von christlichen Werten leiten lässt, ohne darüber viele Worte zu verlieren.

Die „christliche Prägung“ kann ein Segen für unser Land und all seine Menschen sein, wenn sie nicht missbraucht wird, sondern das bleibt, was sie dem Namen nach ist: die Haltung eines Menschen, der sein Leben schlicht und einfach von Jesus Christus prägen lässt. – In diesem Sinne: einen gesegneten Weißen Sonntag!

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