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Essstörung
Eine lebensbedrohliche Erkrankung bereits in der Bibel
15.08.2025 06:35

Deutlich mehr Mädchen müssen wegen einer Essstörung ins Krankenhaus. Die Zahl hat sich seit 2003 verdoppelt. Der Weg aus der Krankheit ist oft lang. Aber es gibt ihn.

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Hanna möchte gern die Leistung erbringen, die von ihr erwartet wird. Sie wünscht sich Kinder, unbedingt. Aber sie wird und wird nicht schwanger. Ihr Mann Elkana liebt und schätzt sie. Allerdings leben die beiden in einer durch und durch patriarchalen Gesellschaft vor 3000 Jahren. Also hat Elkana noch eine Frau, und mit der hat er Kinder. Dennoch hält er weiter zu Hanna.

Seine Zweitfrau aber kränkt Hanna, so oft sie kann. Es kommt so weit, dass Hanna nicht mehr isst. In ihren eigenen Augen entspricht sie nicht dem damaligen Ideal einer Frau. Sie erbringt die familiär und gesellschaftlich gewünschte Leistung nicht. Und sie hält die Kränkungen nicht mehr aus. Hanna hat eine Essstörung. Sie bringt keinen Bissen mehr runter aufgrund all dessen, was nicht stimmt in ihrem Leben.

Die biblische Hanna hat heute viele Leidensgenossinnen. Und damit meine ich nicht ihre Kinderlosigkeit, sondern die Essstörung. Diese Woche meldete das statistische Bundesamt: Die Zahl der Mädchen zwischen zehn und 17, die wegen einer Essstörung stationär behandelt werden, hat sich in 20 Jahren verdoppelt. Im Jahr 2023 mussten 6000 deshalb ins Krankenhaus.

Mit Essstörungen ist nicht zu spaßen. Sie sind eine Krankheit, viel zu oft eine lebensbedrohende Krankheit. Es gibt kein schnelles Rezept, wie man da rausfindet. Appelle helfen gar nicht weiter. Der Weg aus der Krankheit führt über Therapien und jahrelange Begleitung. In akut bedrohlichen Situationen hilft manchmal nur stationäre Behandlung.

Ob Magersucht, Bulimie oder Binge Eating, also Heißhunger-Anfälle: Die Ursachen sind komplex. Sie haben oft mit Familienkonstellationen zu tun und mit Kränkungen. Sie sind ein Ausdruck für den verzweifelten Wunsch nach Anerkennung. Und eine immer größere Rolle spielen Leistungsdruck und ein Selbstbild, dem die oder seltener auch der Kranke nicht gerecht werden kann.

In der biblischen Geschichte vergleicht sich Hanna mit der anderen Frau: Die hat Kinder, Hanna nicht. Den Druck des dauernden Vergleichens erleben junge Menschen heute in den sozialen Medien. Sie sehen dort ständig Idealbilder, wie schlank und schön die anderen sind. So wollen sie auch sein. Und durch das Vernetzen in den sozialen Medien erhöht sich dieser Druck noch.

Mir haben Betroffene und Angehörige erzählt: In diesem langen Krankheitsverlauf geht es darum, dass die betroffene Person entdeckt: Ich bin wer – auch jenseits meiner Familie und unabhängig davon, was andere über mich denken. Sie müssen ein positives Verhältnis zu sich gewinnen, lernen, sich selbst und den eigenen Körper anzunehmen und zu lieben.

In der biblischen Geschichte ist Hannas Mann verzweifelt. Er sagt zu ihr: "Aber ich liebe dich doch! Warum isst du nichts?" Ähnlich erleben das Angehörige von Betroffenen heute auch. Ihre Liebe und Zuwendung scheinen nicht zu helfen. Trotzdem sind sie immens wichtig. Das hilft nicht direkt gegen die Krankheit. Aber es hält am Leben. Es stabilisiert. Es kann das Schlimmste verhindern, zu wissen und zu spüren: Meine Familie liebt mich.

Hanna in der Bibel macht eine neue Erfahrung der Wertschätzung, als sie im Tempel betet und sich Gott anvertraut. Ein Priester sieht, wie sie wie irre stumm die Lippen bewegt, und hält sie erst für betrunken. Aber dann versteht er ihre Verzweiflung und segnet sie. Danach fängt Hanna wieder an, etwas zu essen. Sie findet langsam ins Leben zurück. Obendrein wird sie schwanger und bekommt ein Kind, den späteren Propheten Samuel.

Die dramatische Geschichte in der Bibel geht also gut aus. Sie bietet kein Rezept für den Umgang mit Essstörungen. Sie ist ein Urbild dafür, dass man nicht aufgeben braucht und darf, gerade als Eltern oder Geschwister einer Erkrankten. Die betroffenen Mädchen und jungen Frauen, die ihren Weg zu sich selbst finden, gewinnen dabei eine neue, innere Stärke.

Die Geschichte von Hanna zeigt mir auch: In der Religion, richtig verstanden, kann heilende Kraft stecken. Schließlich ist die Grundbotschaft christlicher Existenz: Gott liebt mich und jede und jeden, wie er oder sie ist. Niemand muss etwas leisten, um geliebt und angenommen zu sein.

Es gilt das gesprochene Wort.

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