"Mein Gott, wo bist du?", schreit der 17-jährige Jürgen Moltmann im Hamburger Feuersturm 1943. Ausgerechnet diese Verzweiflung lässt ihn nach Gott suchen. Er wird bekannt für seine Theologie der Hoffnung.
Sendetext:
Mehr Hoffnung wagen! Das passt als Motto gut zum heutigen Palmsonntag, an dem die Christenheit feiert, wie Jesus in Jerusalem jubelnd mit Hosianna-Rufen empfangen wurde. Hosianna bedeutet übersetzt: "Hilf doch!" Die Menschen damals haben große Hoffnungen in Jesus gesetzt.
Um die christliche Hoffnung dreht sich diese Sendung. Sie nimmt den evangelischen Theologen Jürgen Moltmann in den Blick. Moltmann, Autor der "Theologie der Hoffnung", starb vor zwei Jahren. Dieses Jahr am 8. April wäre er 100 Jahre alt geworden. "Mehr Hoffnung wagen" könnte man als Überschrift über Moltmanns Leben setzten. Mehr Hoffnung wagen, das ist natürlich angelehnt an Willy Brandts berühmtes Motto "Mehr Demokratie wagen" von 1969. Und gerade das passt zu Jürgen Moltmann, der Willy Brandt verehrt hat und 1972 auch SPD-Mitglied wurde.
Zu seinen Lebzeiten habe ich Jürgen Moltmann mehrfach interviewt. Er kommt deshalb hier zu seinem Thema "Hoffnung" vor allem selbst zu Wort. Dass christliche Hoffnung und Zuversicht sein Leben prägten, lag anfangs nicht sehr nahe. Moltmann hatte von Haus aus kaum eine Beziehung zu Theologie und Kirche. Er wollte eigentlich Mathematik und Physik studieren. Der Krieg aber machte diesen Plänen ein jähes Ende. 1943 wurde er mit 16 Jahren als Flakhelfer eingezogen und erlebte im Juli die Bombardierung Hamburgs auf seiner Flakbatterie in der Außenalster:
Moltmann:
"In der Nacht standen wir am Kommandogerät. Es war Alarm gekommen … dann kamen diese Bomberschwärme über Hamburg, es waren jeweils 1000 Bomber, und zerstörten den Ostteil von Hamburg zuerst. Das war ein Feuersturm, der von Hammerbrok bis nach Barmbek. Wir lagen am Rande dieses Feuersturms und dann kam die Bombardierung der Batterie. Es schlug eine Bombe bei dem Kommandogerät ein. Der Freund, der neben mir stand, Gerhard Schopper, wurde von dieser Bombe zerrissen, und ich stand wieder auf. Das war wie ein Wunder, alle starrten mich an. Ich hatte nichts abbekommen von dieser Bombe. Und dann ging ich durch diese zerstörte Batterie, und man hing da so halb im Wasser und die Bomben fielen in die Alster hinein und in die Stadt hinein. Und es brannte überall lichterloh und ich glaube, in der Nacht habe ich zum ersten Mal nach Gott geschrien. Meine Frage war nicht: Warum kann Gott das zulassen? Meine Frage war elementarer: Mein Gott, wo bist du?
Und später kam dann die zweite Frage dazu, die mich mein Leben lang verfolgt hat: Warum bin ich nicht tot wie der Kamerad neben mir? Warum bin ich am Leben? Warum muss ich am Leben sein, während die anderen tot sind? Und mit diesen beiden Fragen hat dann meine Theologie oder mein Gottsuchen begonnen.
Doch der Krieg war noch nicht zu Ende. 1945 kam der 19-Jährige für drei Jahre in britische Gefangenschaft. Und die beiden Fragen begleiteten ihn:
Moltmann:
Die ersten Antworten, die ich gefunden habe, kamen dadurch, dass ein englischer Army-Chaplain unser Lager in Schottland besuchte und Bibeln verteilte, englische Bibeln. Und ich dachte, mein Gott, eine Bibel, was soll ich damit anfangen? Und die anderen lachten auch, sie hätten lieber ein paar Zigaretten gehabt oder etwas Corned Beef, weil die Verpflegung auch nicht so großartig war. Aber diese Bibel hat mich dann überzeugt. Ich habe angefangen, die Psalmen zu lesen. Und Psalm 39 hat dann meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen: "Ich muss mein Leid in mich fressen, ich vergehe vor Kummer, ich bin ein Fremdling vor dir, wie alle meine Väter waren." Und das sprach mir aus dem Herzen, viel mehr als Goethe-Gedichte, die ich vorher gelernt hatte und als eiserne Ration mit in den Krieg genommen hatte.
Und dann kamen diese Klagepsalmen und die haben mich überzeugt, weil sie Worte mir gegeben haben für dieses Schreien oder dieses Suchen nach Gott. Und als ich dann das Markusevangelium las und zum Todesschrei Jesu kam "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?", da hatte ich den Eindruck, da ist einer, der versteht dich. Das war meine Situation auch, dieses Gefühl der totalen Verlassenheit von allen guten Geistern und von Gott, so dass dieser sterbende, nach Gott schreiende Jesus mir sehr nahe kam. So dass ich dann also durch diese Gegenwart Jesu eigentlich zu Gott gekommen bin, nicht umgekehrt … Ohne diese Christuserfahrung mit dem Gekreuzigten, der nach Gott schreit und mit diesem Schrei stirbt, wäre ich sicher auch ein solcher Atheist oder Idealist geworden wie mein Vater und wie mein Großvater.
Moltmann studierte dann evangelische Theologie in Göttingen, war fünf Jahre Pfarrer in Bremen-Wasserhorst. 1958 wurde er Professor an der kirchlichen Hochschule in Wuppertal. Dort begegnete er dem jüdisch-marxistischen Philosophen Ernst Bloch, der "Das Prinzip Hoffnung" geschrieben hatte. Moltmann war von Bloch und seinem Werk völlig fasziniert und hatte jetzt sein Lebensthema gefunden. Er stellte dann dem philosophischen "Prinzip Hoffnung" seine "Theologie der Hoffnung" an die Seite.
Bloch war für ihn Auslöser und Gesprächspartner. Ihren Grund aber hat Moltmanns "Theologie der Hoffnung" in seinen eigenen Erfahrungen und in deren christlicher Deutung. Für Moltmann ist die christliche Hoffnung nicht weltabgewandt. Sie richtet den Blick nicht aufs Jenseits, sondern ist weltzugewandt.
Moltmann:
In der Theologie der Hoffnung sah ich eigentlich ein kritisches Gegenbild zur Wirklichkeit. Wer Hoffnung hat, findet sich nicht ab mit der Wirklichkeit, wie sie ist, sondern versucht, sie zu verändern. Oder wie Erich Fried damals schrieb: "Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, will nicht, dass sie bleibt." Zur Veränderung aber brauch ich ein positives Gegenbild zu den negativen Zuständen dieser Welt, wie ich sie empfinde, um sie zu verändern. Und das hat dieser Theologie der Hoffnung dann diesen etwas revolutionären Zug gegeben, den die Stasi sehr richtig bemerkt hat.
Und die christliche Hoffnung ist die Kraft der Veränderung. Die Kraft der Veränderung braucht so eine Orientierung auf diese alten Symbole, die wir dafür haben – ewiges Leben, Reich Gottes, neue Schöpfung oder einfacher gesagt: eine Welt, in der Friede und Gerechtigkeit sich küssen. Wenn ich darauf hoffe, fange ich an, mich an den Zwängen und Gesetzen dieser Welt zu reiben, und komme in Widersprüche hinein.
Das geht aber auch zurück auf eine Erfahrung im Gefangenenlager. Man kann sich mit einer Situation hinter Stacheldraht so abfinden, dass man den Stacheldraht gar nicht mehr sieht und gar nicht mehr merkt. In dem Augenblick aber, wo man wieder Hoffnung gewinnt, fängt man an, den Stacheldraht zu spüren. Also wo Hoffnung ist, beginnen die Ketten zu schmerzen.
Moltmanns 1964 veröffentlichte "Theologie der Hoffnung" traf in der Aufbruchsstimmung der 60er Jahre den richtigen Ton. Der junge Professor wechselte 1964 nach Bonn und vier Jahre später dann nach Tübingen. Dort hat er bis zur Emeritierung 1994 gelehrt und bis zu seinem Tod auch gelebt. Sein Hoffnungsbuch war schnell weit über Deutschland hinaus erfolgreich und wurde in viele Sprachen übersetzt. Einladungen zu Vorträgen und auch eine Gastprofessur in den USA folgten.
Moltmann:
Ich war 1967/68 ein Jahr in Amerika. Und da erschien gerade die englische Übersetzung der "Theologie der Hoffnung". Und alle Amerikaner, die das lasen, waren begeistert, weil sie meinten, das wäre eine Unterstützung und Verstärkung des amerikanischen Optimismus. Die offiziell optimistische Gesellschaft, so hieß die amerikanische Gesellschaft ja damals. Und dann hab ich meinen Freunden gesagt: Wann immer ich nach Amerika nochmal zurückkehren sollte, werde ich nicht mehr über die Hoffnung und über die Auferstehung, sondern über das Kreuz sprechen. Denn dieser Optimismus kann ja auch eine Leidensverweigerung sein und eine Verdrängung der Leidenden und der Trauernden aus der Gesellschaft, wie das in Amerika ja damals sehr deutlich zu sehen war.
Und dann kam ich zu dieser anderen Seite, dass die christliche Hoffnung ja aus der Auferweckung des gekreuzigten Christus geboren ist und also immer lebendig ist, eine Hoffnung für die darstellt, die leiden, die ausgeschlossen sind, die trauern, die unterdrückt sind, und nicht eine Hoffnung für die, die es schon geschafft haben. Also keine Erfolgsreligion darstellt, sondern eine dialektische Verbindung mit dem Leiden in dieser Welt eingeht.
Das Jahr 1968 war für Moltmann ein Wendepunkt, weil viele seiner Hoffnungen enttäuscht wurden. Der Einmarsch der sowjetischen Truppen in Prag beispielsweise bedeutete das Ende der Hoffnung auf einen Sozialismus mit menschlichem Gesicht. Und der Mord an dem schwarzen Bürgerrechtler Martin Luther King erschütterte die Hoffnung auf eine schnelle Überwindung der Rassentrennung.
Moltmann spornten die Enttäuschungen an, noch einmal neu über den Grund christlicher Hoffnung nachzudenken. Sein nächstes großes Werk hieß "Der gekreuzigte Gott". In ihm buchstabierte er die christliche Hoffnung am Leiden und Auferstehen Jesu durch. Seine kritische politische Theologie mischte sich in die Fragen von Politik und Gesellschaft ein. Er setzte sich intensiv damit auseinander, wie Leiden, Tod und Auferstehung Jesu heute zu verstehen sind. Das brachte den Tübinger Theologen in intensiven Austausch mit den neu entstehenden Befreiungstheologien.
"Mehr Hoffnung wagen", das hieß im Laufe seines Lebens dann auch, eine ökologische Schöpfungslehre zu entwickeln und den Kosmos, die Schöpfung und alle Geschöpfe in die christliche Hoffnung miteinzubeziehen. Christliche Hoffnung auf Erlösung meint nicht, dass wir von der Welt erlöst werden, sondern dass die Welt und wir erlöst werden. Kleiner ist christliche Zuversicht bei Moltmann nicht zu bekommen. Der Grund der Hoffnung ist für ihn die Auferstehung Jesu vom Tod. Ostern schenkt uns und dem ganzen Kosmos die Hoffnung: Der Tod behält nicht das letzte Wort. Ostern lässt uns aufbrechen, macht frei und schenkt weiten Raum.
Moltmann:
Es ist nicht die einzige Erfahrung in den biblischen Traditionen. Der Auszug Israels aus Ägypten war eine andere solche Freiheitserfahrung und der Auszug Christi aus dem Tod in dieses ewige göttliche Leben entspricht dieser ursprünglichen israelitischen Grunderfahrung. Wenn ich es persönlich ausdrücken soll: Das Wort, das mich in Gefangenschaft am meisten mit Gott verbunden hat, war, dass Gott der weite Raum ist, in dem keine Bedrängnis mehr ist. Und das empfinde ich an Ostern, dass sich da ein weiter Raum auftut, in dem keine Bedrängnis mehr ist.
Es gilt das gesprochene Wort.
Musik dieser Sendung:
1. ESPERIAL, silent strings
2. ESPERIAL, Brasiliero