Gemeinfrei via Fundus/ Hans Genthe
Splitter und Balken
Über den eigenen Schatten Bescheid wissen
21.08.2026 06:20

Wenn Jesus von Balken und Splittern redet, dann lohnt es sich, auch gleich einen Blick auf einen ganz besonderen Schatten zu werfen.  

Sendetext:

Den Splitter im Auge des anderen entdecken, aber nicht den Balken im eigenen Auge. Ein bekanntes Bild, dass Jesus in der Bergpredigt gebraucht. Es beschreibt treffend, was der Psychoanalytiker C. G. Jung mit ‚Schatten‘ meint. Aus seiner Sicht besteht jede und jeder von uns aus mehreren Komponenten. Eine davon ist die Persona, jene Anteile meiner Persönlichkeit, die ich gerne nach außen zeige, mit denen ich glänzen kann. Die andere Komponente ist der Schatten, die ungeliebten Anteile, die sozusagen ein Schattendasein in mir fristen. Verdrängte Erlebnisse, tiefe Verletzungen, erlittene Kränkungen, an die ich mich nur ungern erinnere. Die Folge: Bei anderen erkenne ich sofort negative Verhaltensweisen, doch bei mir selbst bin ich quasi blind. Wie bei dem Splitter im Auge des anderen und dem Balken in meinem eigenen. Ich projiziere meine verdrängten Schattenanteile in mein Gegenüber. Der Schatten, das Bild hilft mir zu verstehen.

In dem Kunstmärchen Der Schatten erzählt der dänische Dichter Hans Christian Andersen eine schaurig-phantastische Geschichte über einen sehr gelehrten Mann, der sich seinen Schattenseiten nicht stellen will. Dieser lässt eines Tages – aus Übermut, aus Hochmut, wer weiß es genau? – seinen eigenen Schatten ins Haus gegenüber gehen. Und wundert sich in den darauffolgenden Tagen, dass dieser nicht zu ihm zurückkommt.

Nach einigen Jahren klopft jemand an die Tür seines Hauses. Erst erkennt der Gelehrte seinen eigenen Schatten nicht, denn dieser sieht aus wie ein Mensch, mit hervorragendem Kleidergeschmack, klugem Wissen und guten Manieren. Aber – und das merkt der gelehrte Mann leider viel zu spät – durchtrieben und machtgierig in seiner Gesinnung. Und während der Schatten immer selbständiger wird, wird der gelehrte Mann immer schwächer, bis er schließlich nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Unbemerkt vollzieht sich ein Rollentausch: Der Schatten herrscht und macht seinen ehemaligen Herrn zu seinem Schatten.

In diesem Kunstmärchen ist alles da, was der Psychoanalytiker C.G. Jung mit den unbewussten und verdrängten Anteilen der eigenen Persönlichkeit beschreibt: Die Illusion, Herr im eigenen Haus zu sein, hält solange, bis der wahre Herr mir klarmacht, wer hier regiert. Weil Jesus diesen Rollentausch verhindern will, sagt er: "Zieh erst den Balken aus deinem eigenen Auge." Sei ehrlich mit dir selbst, damit dein Schatten nicht das Kommando übernimmt.

Es gilt das gesprochene Wort.

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