Ein Held, der hinkt. Das ist Jakob in der Bibel. Er definiert Heldentum neu und macht Mut, sich auf die eigene Lebensreise einzulassen.
Sendetext:
Eine meiner Lieblingsgeschichten in der Bibel ist die von Jakob. Ich meine den Zwillingsbruder von Esau, den zweitgeborenen. Er soll sich bei der Geburt an der Ferse seines Bruders festgehalten haben. Der zweite zu sein, das war sein Schicksal. Wenn es um Zukunft ging, um das Erbe, stand ihm sein Bruder immer im Weg. Esau würde die Zukunft der Familie sichern. Jakob war lediglich die Reserve. Lange war das nur ein Gefühl. Dann wurde es ernst.
Als der blinde Vater im Sterben liegt und er den Segen der Vorfahren an seinen Erstgeborenen weitergeben will, schiebt Jakob sich nach vorn. Esau ist gerade auf dem Feld bei der Arbeit – immer fleißig, immer pflichtbewusst. Das ist die Chance: Jakob zieht sich Esaus Kleidung an, schiebt sich ein Fell über die Arme, weil sein Körper nicht so behaart ist wie der von Esau. Jetzt riecht er wie sein Bruder, fühlt sich an wie sein Bruder und nimmt dessen Platz am Sterbebett ein. Der Vater ist kurz irritiert, aber er gibt ihm den Segen.
Und dann: Nichts wie weg! Denn damit würde Esau nicht leben können. Einfach so ausgetrickst zu werden. Jakob macht sich auf die Flucht zu seinem Onkel. Der hat viel Land und große Herden. Dort würde sich sicher Arbeit finden. So liegt Jakob auf seinem Fluchtweg nachts in der Einsamkeit. Mutterseelenallein, erschöpft und ein bisschen verzweifelt. Wozu das Ganze?, denkt er, als ihm die Augen zufallen. Zurück geht es nicht mehr – er hatte eine Schwelle überschritten. Und jetzt muss er den Weg zu Ende gehen.
In dieser Nacht träumt Jakob von einer himmelhohen Leiter, auf der Engel auf und ab steigen. Oben steht Gott und spricht: "Ich bin mit dir und will dich behüten." Ein Segen für seinen Weg - trotz allem. Ich habe eine Ikone von der Himmelsleiter auf einem Holztäfelchen aus Jerusalem - kleiner als ein Dominostein. Ein Segen zum Mitnehmen für die Jackentasche.
Der Literaturprofessor Joseph Campbell hat sich mit Mythen, Märchen und Geschichten beschäftigt. Er hat festgestellt, dass die Lebensreisen, von denen da erzählt wird, ganz ähnlich sind. "Der Held in tausend Gestalten", heißt das Buch über die Heldenreise, das er 1949 geschrieben hat.
Das Grundmuster der Heldenreise sieht so aus: Wir werden herausgerufen aus dem Gewohnten und finden Mentorinnen, die uns über die Schwelle begleiten. Wir müssen Prüfungen und Kämpfe bestehen. Dann treten wir den Rückweg an - mit allem, was wir erreicht haben. Wir müssen noch einmal eine Schwelle überschreiten, uns auseinandersetzen mit unseren Schatten und mit unserer Sehnsucht.
So ging es auch mit Jakob weiter. Bei seinem Onkel ist er erfolgreich, heiratet dessen Töchter und erreicht alles, wovon er zu Hause geträumt hatte. Er ist ein gemachter Mann. Aber seinen Bruder hat er verloren.
So wächst in ihm die Sehnsucht, noch einmal nach Hause zu finden. Nein, nicht einfach zurück. Er ist längst ein anderer geworden auf der Reise. Aber er muss über den Fluss, hinter dem sein Elternhaus liegt. Noch einmal muss er eine Schwelle überschreiten. Dieses Mal mit Frauen und Kindern und all seinen Herden.
Ich stelle mir vor, wie nervös er war, wie angespannt. Und ich verstehe, dass er zunächst allein losging. In der Nacht hat er vor Jahren die Himmelsleiter mit den Engeln gesehen. Jetzt kämpft er nachts noch einmal mit seiner Schuld und um den Segen. Eine Gestalt taucht im Fluss auf und attackiert ihn. Ist es Gott oder ein Dämon, mit dem er kämpft? Als er am frühen Morgen ans andere Ufer tritt, hinkt er. Und er trägt einen neuen Namen. Am Ende der Reise wird aus Jakob Israel. Er ist weit gegangen, hat Kränkungen erlebt und Verletzungen. So dünnhäutig geworden, kann er sich endlich mit Esau versöhnen.
Gesegnet sein. Das ist in Jakobs Geschichte mit Fehlern verbunden. Mit Verletzung und Versöhnung, mit Scheitern und Glück. Um ein Held und eine Heldin sein, muss man nicht immer nur stark sein. Man kann sogar hinken. Das macht mir Mut, mich auf meine eigene Lebensreise einzulassen.
Es gilt das gesprochene Wort.
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