Gemeinfrei via Fundus/ Solveig Grahl
Voller Blick ins Leere
Die Uta im Naumburger Dom
10.09.2026 06:35

Sie kommt in vielen Kreuzworträtseln vor: Uta, Stifterfigur im Naumburger Dom. Unsere Autorin wollte sie schon immer mal sehen. Und hat entdeckt: In Utas berühmten Blick ins Leere spielt sich ganz viel ab.

Sendetext:

Der Naumburger Dom. Die Uta, die in vielen Kreuzworträtseln vorkommt: Stifterfigur im Naumburger Dom? Antwort: Uta. Wie lange wollten mein Mann und ich sie schon sehen. Ein Stau hat aus der Absicht Wirklichkeit werden lassen.

Im Naumburger Dom gehen wir direkt zum Westchor, wo die Uta und die anderen Stifterfiguren stehen. Sie sind so aufgestellt, dass man sieht, dass eine Geschichte sie verbindet. Als hätte sich zwischen ihnen etwas abgespielt. Streit, große Ungerechtigkeit, eine Fehde. Wie ein Rätsel. Was sind diese Menschen im echten Leben gewesen? Die Figuren zeigen Menschen, die sich etwas haben zuschulden kommen lassen. Aneinander schuldig geworden sind.

Dem Kreis der Figuren im Naumburger Dom fehlt die Mitte. Gerade bei der schönsten und bekanntesten Figur fällt das besonders auf: Bei der Uta. Uta von Ballenstedt. Gemahlin des Markgrafen von Meißen. Diese Uta – und das macht einen Teil ihres Geheimnisses aus – schaut intensiv: ins Leere. Zumindest tut sie’s heute.

Ursprünglich blickte sie auf einen Altar. Einen Marienaltar. Das Altarbild fiel vor vielen hundert Jahren in der Reformation einem Bildersturm zum Opfer. Dadurch war der Altar fortan nur noch ein leerer Stein.

2017 will man diese Leerstelle schließen. Der Künstler Michael Triegel, ein Vertreter der Leipziger Schule, hat mit alter Kunsttechnik ein neues Marienbild geschaffen. Aber das neue Gemälde kann nicht lange bleiben. Dem Naumburger Dom droht der Titel als UNESCO-Weltkulturerbe aberkannt zu werden. Und so wandert das Altarbild nach Rom, in die Kirche auf dem Campo Santo Teutonico. Das ist der deutsche Friedhof im Vatikan.

Bei der Ankunft, beim Auspacken des Bildes passiert etwas ganz Eigentümliches. Auf dem Altarbild hat der Künstler neben der Maria und dem Kind noch weitere Personen dargestellt. Manche davon aus der Bibel. Sie alle sind wirkliche Menschen, die ihm Modell gesessen haben.

So ist Petrus, einer der engsten Jünger Jesu, in echt ein Obdachloser. Michael Triegel hat dafür einen Obdachlosen porträtiert, den er ein paar Jahre vorher in Rom auf der Straße gesehen hat. Das Gesicht dieses Mannes, seine wachen Augen, sein offener Blick haben ihn in den Bann gezogen. Ihm war ihm anzusehen, dass er kein einfaches Leben lebt und die Straße ihre Spuren hinterlassen hat. Michael Triegel hat ihn gebeten, ihn gegen eine entsprechende Entlohnung porträtieren zu dürfen. Er hat ihn gemalt, wie man wichtige Personen malt: mit großer Präzision und Liebe fürs Detail.

So sieht also der Petrus auf dem Gemälde aus, das eine Zeit lang als Altarbild im Naumburger Dom zu sehen war. Uta, die Stifterfigur, blickte nicht mehr ins Leere, sondern auf das Gesicht dieses Mannes von der Straße in Rom.

Nun kommt das Bild nach Rom. Und die Leute dort erkennen, wer in echt dargestellt ist: Ein Mann, den sie kennen. Oder kannten, vielmehr. Es ist Burkhard Scheffler, ein deutscher Obdachloser. Im Winter 2022 ist er auf den Stufen der Kolonaden des Petersdoms erfroren. Auf dem Campo Santo Teutonico wurde er begraben.

Mich hat diese Geschichte ergriffen. Eigentlich wollte ich im Naumburger Dom nur die Uta sehen. Ich habe mich darüber gewundert, dass sie so intensiv ins Leere schaut. Und habe erfahren: Ihr Blick ist nicht leer. Worauf sie ursprünglich geschaut hat, kann man nicht mehr sagen. Aber sie hat auch auf das Bild eines Menschen geschaut, dessen Schicksal mir sehr nahegeht. Und vielleicht liegt genau das auch in ihrem Blick.

Es gilt das gesprochene Wort.

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