Das Erinnern der Anderen

Stolpersteine

Gemeinfrei via pixabay/ Hans Braxmeier

Das Erinnern der Anderen
Gedenken an die NS-Herrschaft bei den europäischen Nachbarn
01.08.2021 - 08:35
Über die Sendung:

Wer eine Reise in europäische Nachbarländer unternimmt, wird manchmal unvermutet mit der Vergangenheit konfrontiert: Gedenkorte und Gedenktage halten die Erinnerung an die Schrecken der deutschen Besatzung in der NS-Zeit wach. Stärker als hierzulande ist der „lange Schatten der Vergangenheit“ spürbar. Die Opfer der Terrorherrschaft erinnern sich länger, schmerzhafter. Einfühlung in das Erinnern der Anderen schärft das Bewusstsein für die eigene Verantwortung; das kulturelle Gedächtnis findet dabei strukturelle Analogien im Christentum als Erinnerungsreligion.

 
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Ein sonniger Urlaubstag in Harlingen. Mein Mann und ich schlendern durch das hübsche holländische Hafenstädtchen. Uns fallen Blumen auf, die immer wieder auf dem Gehweg liegen. Wir schauen hin: Die Blumen liegen auf Stolpersteinen, die ins Straßenpflaster eingelassen sind. Europaweit erinnern diese Steine an die Namen der Verschleppten und Ermordeten des Nationalsozialismus. Da fällt uns ein: Heute ist der 4. Mai - ein Gedenktag in den Niederlanden. Der nationale Tag des Totengedenkens für Kriegsopfer, - am Vorabend des Tags der Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft.

Und abends im Lokal, das Fernsehen läuft im Hintergrund, wird es dort in der Gastwirtschaft auf einmal ganz still…

Im niederländischen Fernsehen ist eine nationale Schweigeminute angesagt worden. Immer am Tag des Totengedenkens wird dazu aufgerufen. Wir deutschen Urlauber sitzen mitten in diesem Schweigen. Und wir schweigen betroffen und nachdenklich mit.

Die Verbrechen der nationalsozialistischen Herrschaft zu erinnern, teilzunehmen an Gedenkveranstaltungen – das ist mir auch in Deutschland wichtig. Einen solchen Gedenktag im Ausland zu erleben, hat sich für mich aber noch anders angefühlt. Im europäischen Ausland an den Naziterror erinnert zu werden... das empfinde ich als eine noch stärkere Konfrontation mit meiner eigenen Verantwortung. So bedrückend wie wichtig.

Geboren bin ich nach dem Krieg, aber doch eingebunden durch Familie und Vorfahren in die Geschichte des Tätervolks. Und da, an einem holländischen Kneipentisch zwischen den schweigenden Gästen, wird die Last der historischen Schuld körperlich spürbar. 120.000 Juden wurden aus den Niederlanden in die deutschen Vernichtungslager deportiert, nur 6000 haben überlebt. So lange ist das noch gar nicht her, denke ich. Weniger als 80 Jahre. Und es geht mich immer noch etwas an.

Ich spüre in diesem Schweigen der Gedenkminute in dem holländischen Lokal durchaus die Verbundenheit mit den anderen Gästen. Schließlich eint es uns, dass wir alle solchen Terror nicht mehr wollen. Europa ist zusammengewachsen nach den schrecklichen Zeiten von Krieg und Vernichtung. Ich bin sehr dankbar, dass ich in einem solchen Europa aufwachsen durfte. Und hoffe sehr, dass trotz aller politischen Verwerfungen die Grundgedanken von Demokratie, Frieden und Verständigung die Länder Europas zusammenhalten.

Und doch spüre ich in dieser niederländischen Kneipe noch etwas anderes: Es ist ein Unterschied, ob sich Täter oder Opfer erinnern.

 

Erinnern in Norditalien, im ligurischen Bergdorf Carpasio. An jedem Tag tönt ein Glockenspiel durchs Tal, morgens um 10 Uhr und abends um 19 Uhr. Die Melodie kommt nicht aus einer Kirche, sondern aus dem Lautsprecher des dortigen Partisanenmuseums: „Fiscia il vento“, auf deutsch „Der Wind pfeift“, eines der bekanntesten Partisanenlieder.

In dem Partisanenmuseum kann man einiges über die dramatische Zeit erfahren, in der Italien von der deutschen Wehrmacht besetzt war. Viele junge Männer flüchteten damals in die Berge. Von dort leisteten sie als Partisanen Widerstand gegen die Nationalsozialisten.

Das Museum ist ein Haus wie andere, aus grauen Feldsteinen. Im 2. Weltkrieg war es das Partisanen-Hauptquartier der Region. Bomben, Granaten und Maschinengewehre sind hier ausgestellt, Uniformen und die Überreste eines abgeschossenen deutschen Flugzeugs. Das Museum zeigt Briefe, die gefangen genommene junge Männer kurz vor ihrer Hinrichtung verfasst haben, Briefe an die Mama, an die Familie, herzzerreißend. Fotos zeigen erschossene Partisanen und Zivilpersonen. Manchmal trifft man im Museum einen der alten Zeitzeugen und kann eine Führung erleben, in der das Leid der Bevölkerung, die erlittene Brutalität ganz persönlich greifbar werden.

Ich bin sehr bewegt über den Besuch in diesem Museum - unvermutet im Urlaub mit der schrecklichen deutschen Kriegsgeschichte konfrontiert, einmal wieder.

Die alte Partisanenmelodie hält im Tal die Erinnerung wach, Tag für Tag. So viel Freundlichkeit wir in Italien auch erleben – diese Erfahrung zeigt uns: Die Wunden sind noch nicht verheilt.

 

Nicht immer bin ich im Urlaub darauf vorbereitet, mit der Geschichte von Krieg und Nationalsozialismus konfrontiert zu werden.  Aber es passiert, und ich kann es nicht ausblenden. Dann muss ich zulassen, dass die Schatten der Vergangenheit im Urlaubsidyll wieder auftauchen – darauf reagieren und mit ihnen umgehen.

Oft, zu oft gehört habe ich den Spruch: Es ist ja alles schon so lange her. Aber angesichts der furchtbaren Erinnerungen, mit denen ich konfrontiert werde, muss ich auch fragen: Ist das wirklich so lange her? Und für wen ist es lange her?

 

Die renommierte Kulturhistorikerin Aleida Assmann untersucht in ihrem Buch „Der lange Schatten der Vergangenheit“ die Auswirkungen des nationalsozialistischen Terrors auf die Erinnerungen. Sie stellt fest, dass zwischen dem Tätergedächtnis und dem Opfergedächtnis ein eklatanter Gegensatz besteht. Die Täter vergessen schneller als die Opfer, denn, so Assmann, „Vergessen schützt die Täter und schwächt die Opfer“ (Ass S. 91). Das Leid der erlittenen Gewalt aber ist den Opfern ins Körpergedächtnis eingeschrieben, sie sind an ihre Erinnerungen regelrecht „gefesselt“ (Ass S. 105), - während sich die Täter ihre Vergangenheit durch Schweigen und Vergessen besser vom Leibe halten können.

 

Das wird der Grund dafür sein, dass in den von Deutschland besetzten Nachbarländern die Erinnerungen stärker fortdauern. An das Leiden wird intensiver gedacht, - denn es sind Opfererfahrungen, die die Bevölkerung der besetzten Länder gemacht hat. Und hier, in den Nachbarländern, entlarvt es sich als absurd, diese Erfahrungen mit dem Erinnern an eigene, deutsche Leiderfahrungen relativieren zu wollen.

 

Traumatische Erfahrungen werden über Generationen weitervererbt, das ist in den letzten Jahren viel untersucht und beschrieben worden. Es ist auch eine biblische Erfahrung.

„Die Väter haben saure Trauben gegessen, und den Kindern werden die Zähne stumpf,“ so zitiert der Prophet Jeremia eine damals geläufige Redewendung (Jer 31,29). Der Prophet hofft auf eine Zeit, in der dieser Spruch nicht mehr gelten soll. Eben weil er weiß: Erfahrungen werden von Generation zu Generation weitergegeben, auch körperlich. So wie im Bibelwort die Söhne an den eigenen Zähnen die sauren Trauben ihrer Väter spüren, so vererben sich auch Traumata an die Nachkommen der Opfer.

 

Maya Lasker-Wallfisch, die Tochter der Auschwitz-Überlebenden Anita Wallfisch, beschreibt dieses Phänomen in einem Interview: Von Kind an hat die Tochter einen permanenten Mangel und Hunger verspürt. Und eine panische Angst, ihre Mutter zu verlieren. Als Psychoanalytikerin hat sie sich dem Thema transgenerationale Weitergabe von Traumata gewidmet.

 

Auf der Insel Jersey habe ich im Urlaub ein Büchlein erworben. Es handelt von der Zeit der deutschen Besetzung. Sein Titel: Großvater gegen Deutschland. Als ich es kaufte, sagte mir der Verkäufer etwas verlegen: „Es ist ein humorvolles Buch“, so als wolle er mich auf etwas Unerwartetes vorbereiten. Das Buch erzählt von einer Bauernfamilie, die mit List, Mut und einer gehörigen Portion Schlitzohrigkeit den deutschen Besatzern auf der Insel immer einmal wieder eins auswischen kann.

Mal lässt der Großvater seinen Bullen los auf die Soldaten, die seine beste Kuhweide zu ihrem Fußballfeld erklärt haben. Dann verdonnert er die vor dem Bullen auf die Bäume geflüchteten Deutschen erst einmal zum Pflücken seiner Cidre-Äpfel. Mal überführt er die angeblich verstorbene Cousine Clara in einem Sarg von einem Ende der Insel zur anderen – vorbei an allen Wachtposten, die den Trauerzug respektvoll durchlassen. Doch als zuhause auf dem Hof der Sarg geöffnet wird, befindet sich ein geschlachtetes Schwein darin. Vorbeigeschleust an allen Posten für die hungernde Bauernfamilie - ein Triumph.

Es sind zauberhafte Geschichten eines kleinen Bauern, der gegen die Übermacht der deutschen Besatzer immer wieder gewinnt und dem sie nicht beikommen können. Immer wieder werden die auf ihre Autorität bedachten Besatzer in die Irre geführt, ihre Herrscherpose lächerlich gemacht.

 

Beim Lesen habe ich mich mit den Inselbewohnern identifiziert: Ich habe mich gefreut über den Triumph des Großvaters. Ich habe gelacht über die widerständigen Streiche der Inselbewohner und gegrinst, wenn die deutschen Besatzer einmal wieder dumm dastanden.

 

Die Lektüre dieses Buches ermöglicht einen Rollentausch mit den besetzten Insulanern. Eine erhellende Erfahrung. Es ist eine Methode aus der Psychodramatherapie: Ein Rollentausch ermöglicht, mich einzufühlen in die jeweils andere Position, und das erweitert meinen Horizont. Sich hineinzuversetzen ins Gegenüber führt auch zu emotionalem Verstehen. Ein Perspektivwechsel mit heilender Wirkung. Wer danach wieder in seine ursprüngliche Rolle zurückkehrt, hat eine Erfahrung gemacht, die den eigenen Blick verändert. (Hutter 359) Ich sehe die Situation der besetzten Inselbevölkerung mit anderen Augen, nachdem ich mich mit ihnen identifiziert habe. Ich empfinde auch Verständnis für ihren Blick auf die Deutschen als ihre damaligen Feinde. Wenn ich aus dieser Identifikation wieder zurückkehre in meine Rolle als deutsche Urlauberin, dann nehme ich diese Erfahrung mit.

 

Erinnern ist etwas genuin Christliches, ein Grundbestandteil der christlichen Religion. „Solches tut zu meinem Gedächtnis,“ gibt Jesus seinen Jüngern und Jüngerinnen mit, als er mit ihnen zusammen das Abendmahl feiert. Gedächtnis meint hier mehr als Erinnern. Die Gedächtnisfeier im Abendmahl bedeutet Vergegenwärtigung, so als würde es jetzt geschehen, mit Jesus zusammen zu essen und zu trinken: ein Ritual, das eine Brücke schlägt von damals zu heute. Offen für Veränderung und eine gute Zukunft.

Auch die Rituale, die an die Schrecken der NS-Zeit erinnern, die Gedenkorte und Gedenktage, spannen eine Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart.

Das Erinnern eines Individuums umfasst nur eine kurze Zeitspanne. Rituale speichern Erinnerungen im kulturellen und im religiösen Gedächtnis und geben sie weiter – auf dass die folgenden Generationen teilhaben können an diesen grundlegenden Erinnerungen und daraus Konsequenzen für ihr Handeln ziehen.

Solche Erinnerungskultur bildet auch die eigene Persönlichkeit. Sie übt Demokratiefähigkeit ein und lässt Zivilcourage wachsen. Das Gedenken an die Verbrechen der NS-Zeit ist damit nicht rückwärtsgewandt. Es hat eine ethische Dimension und ermöglicht gegenwärtiges und zukünftiges Tun.

 

Noch einmal zurück in die Niederlande. Vor ein paar Jahren habe ich am Vorabend des dortigen Befreiungstags die Schweigeminute in einer holländischen Kneipe erlebt. In diesem Jahr wurde mit Bundeskanzlerin Angela Merkel erstmals eine Deutsche eingeladen, an jenem Befreiungstag die traditionelle Freiheitsrede zu halten – ein Zeichen für das in Jahrzehnten wieder aufgebaute Vertrauen in Europa. In den Worten der Bundeskanzlerin finde ich mich wieder:

„Nichts kann den Überlebenden den Verlust und den Schmerz nehmen. Die begangenen Verbrechen verjähren nicht. Die Erinnerung daran wachzuhalten, ist immerwährende Verantwortung Deutschlands.“

Wenn ich in meinem nächsten Urlaub in einem der Länder Europas wieder an einem Gedenktag teilnehme oder eine Gedenkstätte besuche, dann werden mich diese Worte stärken. Verantwortung zu übernehmen, macht Verständigung möglich. Die Erinnerung zu bewahren und in Ritualen zu pflegen, hat ein gutes Ziel – eine gemeinsame Zukunft in Europa, die Leid und Schuld nicht verschweigt und den Blick auf künftiges Miteinander richtet. 

Jesu Worte „Solches tut zu meinem Gedächtnis“ legen für mich auch in religiöser Hinsicht den Grund für Erinnerung und Erinnerungskultur. Die christliche Religion ist eine Erinnerungsreligion und zeigt eben damit einen Weg in eine gute gemeinsame Zukunft.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

 

Musik dieser Sendung:
 

  • Guiseppe Verdi, Gerhard Kanzian, Requiem Aeternam, CD-Titel: Classical Piano Snippets Vol.3
  • Jannick Damkvist, Bradley Segal, Depths, CD-Titel: Emotional Concern Burdened Mind
  • Steve Adams, Storyteller, CD-Titel: Piano Spaces
  • Mladen Franko, Janos Racz, Zoltan Holb, Balazs Kovacs, Sturcz String Quartet, Helping Others, CD-Titel: Emotional Piano

 

Literaturangaben:
 

  • Aleida Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit, München 2018
  • Christoph Hutter, Psychodrama als experimentelle Theologie, Münster 2000
  • Maya Lasker-Wallfisch, YouTube-Video des Goldbekhauses in Hamburg vom 5.2.2021: „Die Wucht des Traumas“
  • John Manning, „Grandpa v Germany“, Guernsey 1995