Schwerter allein sind zu wenig!

Gemeinfrei via unsplash/ Hari Singh Tanwar

Schwerter allein sind zu wenig!
Gedanken zur Woche mit Pfarrer Jörg Machel
10.06.2022 - 06:35
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Die Gedanken zur Woche im DLF.

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Muss Deutschland den Ukrainern angesichts der russischen Invasion alle Waffen liefern, die sie fordern? Einhundert Milliarden Euro nur für die Bundeswehr – sichert das die europäische Friedensordnung? Ich weiß es nicht! Und es ist erstaunlich, wie aggressiv Menschen reagieren, wenn ich mit den Schultern zucke, statt mit ja oder nein zu antworten. Mit einer klaren Position hätte ich es sicher leichter. Es tut mir leid, ich bleibe verunsichert.

 

Aber ich bin nicht orientierungslos. Noch immer orientiere ich mich an der biblischen Verheißung: „Schwerter zu Pflugscharen!“ Geschockt hat mich der Applaus des deutschen Parlaments zur Aufstockung des Wehretats. Man applaudiert, dass massiv aufgerüstet wird und blendet aus, dass der Sozialstaat, die Entwicklungsarbeit, der Natur-, Arten- und Klimaschutz Federn lassen müssen. Ziviles Engagement, gewaltfreie Konfliktlösung, humanitäre Hilfen – dafür ist kein Sondervermögen in Sicht.

 

Viel zu wenig wird darüber gesprochen, wie die Politik diesen Weg der Militarisierung wieder verlassen kann. Dafür muss schon jetzt über Abrüstung geredet werden. Dafür muss nachgedacht werden, was diese tödliche Dynamik ausgelöst hat. Wie war es möglich, dass Russland sich von der Weltgemeinschaft derartig isoliert? Danach zu fragen ist etwas anderes, als die Schuld für diesen Krieg im westlichen Staatenbündnis zu suchen.

 

Russland führt einen Eroberungskrieg und ich bezweifle, dass die Zustimmung der russischen Bevölkerung tatsächlich so hoch ist wie behauptet. Doch ich bezweifle auch, dass die Haltung der ukrainischen Führung von allen Ukrainern geteilt wird. Die Rückeroberung des Donbass wird auch im Land und unter den ukrainischen Flüchtlingen viel differenzierter diskutiert, als es Präsident Selenskyj in seinen Appellen an die Weltgemeinschaft suggeriert.

 

Ich finde: Die medialen Selbstvorwürfe über eine falsche Russlandpolitik Deutschlands sind unangebracht. Ohne die damalige Ostpolitik wäre Deutschland wohl noch immer geteilt und die Ukraine wäre ein Teil der Sowjetunion. Der Einwurf der Altbundeskanzlerin, dass Diplomatie auch dann richtig ist, wenn sie scheitert, war wohltuend.

 

Die derzeitige Fokussierung auf Militärstrategien greift zu kurz. Bei dem Versuch, die alten Verhältnisse wieder herzustellen, ist Putin der Aggressor. Er ist für diesen Krieg verantwortlich. Am Ende aber haben alle Kriegsparteien Blut an den Händen und unschuldige Opfer gibt es auf allen Seiten. Was im Einzelnen geschieht ist schwer zu verfolgen. Im Krieg wird gelogen.

 

In Bezug auf die Geschichte aber darf niemand sich etwas vormachen. Wie schmerzhaft ungeschönte Ehrlichkeit ist, zeigt die Aufarbeitung unserer eigenen, deutschen Vergangenheit.

 

Russland unablässig als Land zu feiern, das die Welt vom Faschismus befreit hat – damit belügt Russland sich und die Welt. Ja, Russland hat geholfen, Hitler zu entmachten. Mit dem eigenen Volk aber ist Stalin geradezu widerlich verfahren. Memorial hat damit begonnen, das aufzuarbeiten. Die Duma hat es verboten. Der Hitler-Stalin-Pakt wird von Putin geleugnet; für das Massaker an polnischen Offizieren in Katyn gab es nie eine Entschuldigung.

 

Nicht alles lässt sich über einen Kamm scheren – und doch: Auch bei den Amerikanern wartet die Welt auf eine kritische Aufarbeitung ihrer Geschichte. Der Putsch in Chile, der Krieg in Vietnam, die Lügen vor dem Irakkrieg und die skrupellose Paktiererei mit den übelsten Diktatoren, auch das untergräbt die Glaubwürdigkeit, dient nicht dem Frieden.

 

Bei all dem geht es um mehr, als nur um den Krieg in der Ukraine. Letztlich geht es um eine Weltordnung, in der das Recht regiert – nicht die Macht des Stärkeren. „Schwerter zu Pflugscharen!“ So träumte der Prophet Micha im Alten Testament, und dieser Anspruch bleibt.

Es gilt das gesprochene Wort.

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