gemeinfrei via pixabay / Wal_172619
Wittenberg
Ein Hoch auf die Provinz
03.04.2025 06:20

Zu Luthers Zeiten war Wittenberg ein Städtchen am Rande des Weltgeschehens. Trotzdem wurde es zum Hotspot einer Erneuerung. Wer weiß, wo sich heute neue Zukunftsideen finden.

Sendung nachlesen:

Wittenberg. Wer diese Stadt in Sachsen-Anhalt heute besucht, macht sich kein Bild davon, wie klein Wittenberg im 16. Jahrhundert war. Höchstens 2500 Einwohner lebten in der Stadt, als Martin Luther im Jahr 1511 von Erfurt hierher an die Elbe zog. Immerhin Wittenberg hatte eine Universität. Dort bewarb sich der Mönch Luther für ein theologisches Doktorat mit der Aussicht, danach die Bibelprofessur übernehmen zu können. Eine interessante und herausfordernde Perspektive in seiner klösterlichen Gemeinschaft. Sein Lebensweg schien vorgezeichnet.

Wittenberg wurde innerhalb eines Jahrzehnts zu einem zweiten Zentrum des Christentums neben der Weltstadt Rom. Nicht selten kommen die ganz großen Ideen, die weltpolitischen Wendungen eben nicht aus den Zentren der Epoche, sondern aus der Peripherie.

Im Zentrum sind die Karten gemischt. Da weiß jede und jeder, was auf dem Tisch liegt und was noch im Spiel ist. Man bewegt sich im Rahmen des Gegebenen. Das verheißt Kontinuität. Falls es doch zu Brüchen kommt, dann bewegen die sich meist in einem vorhersehbaren Rahmen.  

Weiterlesen

Luther war weit weg von diesem Geschehen. Vielleicht ein Faktor, warum er so frei denken und publizieren konnte. Er brauchte die Unbefangenheit eines frommen Gelehrten, um nur mit seinem Gott im Rücken die Disputationen mit den führenden Theologen seiner Zeit durchzustehen.

Die Stärke der Provinz ist das Umfeld der Provinz. Allein auf sich gestellt hätte Luther keine Chance gehabt, Gehör zu finden und das große Projekt der Reformation ins Rollen zu bringen. Luther erreichte mit seinen deftigen Predigten die einfachen Leute. Doch das allein wäre zu wenig gewesen. Auch die Fürsten und das aufstrebende Bürgertum, die Wissenschaftler und Künstler seiner Epoche sahen sich nicht mehr repräsentiert durch Papst und Kaiser. Und so schaute plötzlich die ganze Welt auf Wittenberg, auf dieses Städtchen an der Elbe.  

Wieder leben wir in einer Umbruchzeit. Wieder wähnen sich die Mächtigen in den Metropolen im Zentrum des Geschehens. Aber vielleicht finden die wirklichen Aufbrüche ja in den Basisinitiativen der südamerikanischen Favelas statt, in der Provinz, auf kleinen Biobauernhöfen und durch junge Leute, die eigene Wege jenseits der etablierten Wissenschaft gehen. Entscheidend wird sein, ob sie mit dem gleichen sehnsuchtsvollen Wahrheitsanspruch unterwegs sind wie die Reformatoren in Wittenberg, ob sie das Herz der Menschen zu erreichen vermögen und ob ihre Zeit gekommen ist.

Es gilt das gesprochene Wort.

Feedback zur Sendung? Hier geht's zur Umfrage! 

Einklappen
 

Wort zum Tage

slide 25 to 29 of 13

Sendungen von Pfarrer Jörg Machel

slide 31 to 35 of 16