Temperatur senken

Grafik: Weltkugel mit Maske

Gemeinfrei via pixabay/ cromaconceptovisual

Temperatur senken
Über Respekt in Corona-Zeiten
22.01.2021 - 06:35
Über die Sendung

Die Gedanken zur Woche im DLF.

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Ein kluger Mann ist er schon, dieser Joe Biden, der neue Präsident in den USA. In seiner Antrittsrede hat er über die aufgeheizte Stimmung in seinem Land gesagt: „Es ist Zeit die Temperatur wieder zu senken, einander anzusehen, zuzuhören und zu respektieren.“ Damit stilisiert sich Biden nicht zum Helden oder gar Polit-Heiland, der schon alles richten wird. Sondern sieht sich mit allen gemeinsam in der Verantwortung.

 

Temperatur senken. Ich finde: das ist auch ein gutes Bild für die Lage in Deutschland. Auch hier ist die Stimmung gereizt. Wegen der Pandemie. „Hört das denn nie auf“, stöhnen viele angesichts der Verlängerung und der Verschärfung des Teil-Lock-Downs in dieser Woche. Es ist ja auch hart, dieser ständige Ausnahmezustand mit Schulkindern zuhause, mit Büro zuhause, mit dem Alleinsein zuhause, mit den beruflichen Sorgen und der Angst.

 

Kein Wunder, dass viele Nerven blank liegen. Erhöhte Temperatur in der Gesellschaft. Wohin mit Enttäuschung, Frust, Ärger, Wut?

Die Politiker und Fachleute bieten sich dafür scheinbar an. Sie denken sich schließlich all die Einschränkungen aus. Merkwürdig: In Amerika rufen viele in der Bevölkerung danach, dass die Politik den Kampf gegen das Virus endlich koordiniert. In Deutschland kritisieren viele die Politiker, wie sie das versuchen zu tun. Und nicht wenige umgehen die Regeln wie pubertierende Trotzköpfe. Am Ende scheint es, als seien die Politiker und Virologen schuld am Virus und seinen Folgen. Und man selbst ist das Opfer ihrer Machenschaften. Dann stimmt auch der Tonfall nicht mehr.

 

Irgendwie ist da etwas verrutscht. Es geht doch um meine, deine, unsere Gesundheit. Die, und vielleicht sogar das eigene Leben, stehen auf dem Spiel. Und beim Schützen meines Lebens bin ich nicht das Opfer, sondern der Verantwortliche. Die meisten machen dabei seit über zehn Monaten gut mit. Die kann man ermutigen: „Ihr macht das gut. Wir haben die Zahlen schon einmal runtergebracht. Das schaffen wir trotz der neuen Mutationen auch jetzt. Und bald wird der Impfstoff wirken!“

 

Umgekehrt könnten die Politiker und Fachleuten auch einmal hören: „Wir sehen, wie sehr ihr euch bemüht. Ihr macht Fehler. Wir auch. So irren wir uns zusammen in die Zukunft. Wir machen das alle zum ersten Mal und werden das bewältigen.“

 

So ein Umgangston würde die Temperatur wieder senken. Einander ansehen, zuhören und respektieren, das hilft. Ich ergänze noch: verzeihen. An diese christliche Tugend erinnerte Gesundheitsminister Jens Spahn schon zu Anfang der Pandemie. Er sagte voraus: „Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen.“ Es ist soweit.

 

Aber woher nimmt man dafür die Kraft? Vielleicht indem man sich erinnert, warum sich alle so sehr abmühen: Damit möglichst wenige erkranken und möglichst niemand daran stirbt. Denn das ist der Glutkern unserer Gesellschaft: Jede und jeder einzelne zählt. Es ist nicht entscheidend, wie sehr die Sterberate durch Corona gestiegen ist. Es ist nicht entscheidend, wie alt die Opfer sind. Entscheidend ist, dass unsere Gesellschaft nicht tatenlos zuschaut, wenn Menschen krankwerden und sterben, weil sich niemand kümmert oder weil es an einem Krankenhausbett fehlt. Der einzelne zählt. Das gilt freilich auch für die, die für den Lock-Down einen besonders hohen Preis zahlen. Ihre Last müssen alle mitschultern. Jeder einzelne zählt. Das ist der humanitäre Kern unserer Gesellschaft. Er leitet sich aus der biblischen Sicht vom Menschen ab und hat sich in der modernen Gesellschaft zu einem Grundrecht weiterentwickelt. Gut so. Wir kämpfen nicht nur gegen das Virus. Wir kämpfen auch für diesen großartigen Kern unserer Gesellschaft und daher eigentlich um alles: Jede und jeder ist es wert gesehen, gehört und respektiert zu werden. Natürlich auch die, die berechtigte und konstruktive Kritik üben. Doch die sollte der Gesellschaft dienen und nicht der eigenen Profilierung in den Medien oder für den nächsten Wahlkampf. Denn es geht jetzt um mehr als das. Es ist Zeit, die Temperatur wieder zu senken.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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