Einmal falsch abgebogen

Morgenandacht
Einmal falsch abgebogen
28.07.2016 - 06:35

Ich gebe es zu: gerade beim Autofahren bin ich viel zu oft unbarmherzig. Kann nur schlecht fertig werden mit den Langsamfahrern vor mir … den Vorfahrtswartern, die so lange stehen bis wirklich jemand kommt… den Sightseeingtouristen, die schleichen, weil sie die Windschutzscheibe für einen Diavortrag halten...

 

Diesmal bin ich allein mit dem Auto in Israel unterwegs und es ist niemand vor mir, der mich nerven könnte. Alles ist bestens, ich fahre das Jordantal etwas unterhalb des Toten Meeres entlang. Da sehe ich ein Schild zu einem Aussichtspunkt. Spontan biege ich ab, folge der Beschilderung auf einen Berggipfel. Es ist keine geteerte Straße aber anständig zu befahren mit meinem Kleinwagen. Die Nachmittagssonne steht schon ziemlich schräg, es ist ungewöhnlich klar und oben habe ich einen phantastischen Blick über das Jordantal. Auf dem Rückweg komme ich dann an eine Abzweigung, und biege dort rechts statt links ab, weil die Schotterpiste mehr in die Richtung zu führen scheint, in die ich weiter will. Das ist ein Fehler. Denn ich übersehe ein 4x4 auf dem kleinen Schild, das ist ein Weg nur für Allradfahrzeuge. Anfangs ist das auch nicht zu bemerken. Dann aber wird der Weg abschüssig und kurvig. Es ist ein ausgetrocknetes Flusstal, in engen Serpentinen führt es abwärts, tief in weichen Sandstein eingeschnittenen. Mir wird von Windung zu Windung mulmiger. Ich halte an, muss feststellen, dass ich weder wenden noch rückwärtsfahren kann, also langsam weiter, vor jeder Kurve ein Stoßgebet, dass ich nicht steckenbleibe. Doch ein paar weitere Kurven später stecke ich im Sand fest, komme weder vor noch zurück. -- In einer Stunde wird die Sonne untergehen. In bin in der Wüste. Ich bin allein. Ich stecke fest. Ich habe noch einen halben Liter Wasser. Okay, jetzt keine Panik. Mein Handy hat Empfang. Irgendjemand wird mich hier rausholen. Irgendwie wird man auch das Auto wieder frei bekommen.

 

Als ich gerade den Notruf absetzen will kommt eine Gruppe israelischer Mountainbiker die Serpentinen herunter. Sie bleiben stehen, packen an, bekommen das Auto aus dem Sand und lotsen mich behutsam durch das Wadi, so dass am Ende weder ich noch das Auto Schaden genommen haben.

 

Es ist alles gut gegangen. Gott sei Dank! Ich habe nur eine Kleinigkeit übersehen, ein Schild, und kurz darauf stecke ich so im Schlamassel, dass ich mir selbst nicht mehr helfen kann. Ein Großteil der Romane und Filme funktioniert so. Ein Drama nimmt seinen Lauf, weil Menschen Fehler machen, oft nur ganz kleine Fehler, mit schlimmen Konsequenzen. In diesem kleinen, aber lehrreichen Drama steckte ich selbst und das machte es anders…

 

Aus meinem Fehler will ich nicht nur lernen, künftig Schilder besser zu lesen. Viel mehr beschäftigt mich, wie ich Menschen begegne, die Fehler machen oder gemacht haben, im Straßenverkehr oder in ihrem Leben. Froh bin ich, am eigenen Leib erlebt zu haben, wie schnell man sich total verfahren und ins Aus manövrieren kann. Denke ich daran, bin ich mit meinen Mitmenschen nachsichtiger, zumindest versuche ich das. Zu wissen, jemand ist selbst schuld an seiner Misere, nützt niemandem, höchstens meiner Selbstgerechtigkeit.

 

Auf die Frage, wie oft man vergeben müsse, hatte Jesus seinen Jüngern geantwortet, nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal. Ich finde immer noch siebenmal schon ziemlich viel. Und es geht nicht nur um Vergeben, sondern auch um Anpacken und aktive Hilfe.

 

Shamir hieß der Israeli, der mir nach der Hilfsaktion auch noch seine Handynummer für weitere Notfälle gab. Wahrscheinlich werde ich ihn nie wieder sehen, aber als dankbare Erinnerung und ständige Mahnung lasse ich die Nummer gespeichert.