Gastfreundschaft

Morgenandacht
Gastfreundschaft
20.02.2021 - 06:35
Sendung zum Nachhören

Die Sendung zum Nachlesen: 

Unser Lieblingsrestaurant ist der schönste Ort in der Stadt. Wenn wir was feiern wollen oder wenn wir Trost brauchen. Dann gehen wir da hin. Schon beim Schritt über die Schwelle schnuppere ich mein Lieblingsessen. Das braune Sofa in der Ecke ist meins. Wenn es frei ist, lasse ich mich da hineinfallen samt aller Last, die ich mit mir herumschleppe. Der Kellner weiß schon von weitem, was los ist. „Wie immer?“ fragt er. „Ja, wie immer!“ - „Alles klar, herzlich willkommen. Und ‚wie immer‘ kommt gleich!“

Und jetzt ist unser Lieblingsrestaurant schon lange zu und ich mache mir Sorgen. Also rufe ich an.  Der Chef ist am Apparat und freut sich. „Nie hätte ich gedacht, wie schwer das ist, ein leeres Restaurant zu leiten. Viel schwerer als ein volles.“ Und dann erzählt er, dass er eigentlich nur noch Verwaltungsbeamter sei. Jeden Tag muss er neue Corona Verordnungen lesen, Anträge ausfüllen für Kurzarbeitergeld, für Stornierung von Schulden, für staatliche Förderung. Im Sommer sei er mit dem Zollstock zwischen den Tischen herumgegangen, damit der Abstand stimmt. Aber jeden Tag kamen neue Nachrichten. Einmal musste er einem Hochzeitspaar am Tag vor seiner Feier mitteilen, dass nur die Hälfte seiner Gäste kommen dürften. „Und jetzt ist schon wieder so lange geschlossen,“ seufzt er. „Diese Welle der Pandemie werden wir überstehen. Eine nächste nicht mehr.“

Jetzt sitzt mir im Bauch, seine Anspannung. „Gibt es etwas, was dir in den vergangenen Wochen wichtig geworden ist? Was du mitnehmen wirst in die Zeit nach der Pandemie?“ frage ich und warte auf die nächste Klage. Aber es kommt anders.

„Aber ja! Eins werde ich nie mehr vergessen. Dass ich nämlich Gastwirt bin. Mit Leib und Seele. Und dass ich gar nicht mehr sein will als das.“

Gelernt habe er das vor einem Jahr. Als er zum ersten Mal seinen kompletten Betrieb lahmlegen musste. Nicht nur den Restaurantbetrieb, auch die Kochkurse, die Feierabendevents, das Catering für Firmenfeste und vieles mehr. Da hat er sich mit seinem Team zusammengesetzt und alle waren sich einig: „Ab jetzt besinnen wir uns nur noch auf das, was wir gelernt haben und weshalb wir diesen Beruf ergriffen haben. Wir wollten für unsere Gäste da sein. Mehr nicht. Kein Schnickschnack drüber hinaus.“

Also haben sie die alte Speisekarte weggeschmissen, haben die Leute gefragt, was sie gerne essen wollen und haben genau das gekocht. Und dann haben sie das Restaurant von Mittag bis Nachts geöffnet. Erstaunlicherweise haben sie damit gut verdient. Und waren alle zufriedener als sonst.

„Und so machen wir das in Zukunft,“ sagte er. „Wir werden uns nicht mehr Sachen ausdenken, von dem wir meinen, dass sie unser Image aufpolieren. Wir werden nur noch Gastfreundschaft leben.“

Gastfreundschaft - im alten Orient war das mal eine heilige Sache. Zu biblischen Zeiten war es für Reisende bisweilen lebensrettend, gastfreundlich aufgenommen zu werden. Jedes Haus war damals ein potenzielles Gasthaus. „Seid gastfreundlich,“ mahnt die Bibel. „Denn manch einer hat schon - ohne es zu wissen - Engel beherbergt.“

Jesus war übrigens auch oft zu Gast. Meist hat er sich selber eingeladen. Zum Beispiel bei dem Zöllner Zachäus, mit dem niemand was zu tun haben wollte. Oder bei den Schwestern Maria und Martha, das war die, die so gern seine Geschichten hörte. Jesus hat für sein Leben gern mit den Leuten gegessen und getrunken. Hat Lebensfreude gebracht und mit allen das Leben gefeiert.

Jesus war nämlich davon überzeugt: so wird es einmal sein im Reich Gottes. Da werden alle miteinander an einem großen Tisch sitzen. Da wird es keinen Streit und keine Standesdünkel mehr geben und alle werden das Leben feiern. So wie Gott das gewollt hat.

Bis das mal so sein wird, sind wir es, die diese Vision lebendig halten. Wir in unseren Häusern und in unseren Lieblingsrestaurants, landauf landab. Gott möge sie schützen, damit sie bald wieder öffnen können. Ich freue mich schon auf mein braunes Sofa in meinem Lieblingsrestaurant. Freue mich auf den Kellner, der mich fragt: „Wie immer?“ Und ich werde ihn anstrahlen und sagen. „Ja bitte, wie immer.“

 

Es gilt das gesprochene Wort.