Geben und Nehmen

Morgenandacht
Geben und Nehmen
27.07.2016 06:35
27.07.2016
Pfarrer Thomas Dörken-Kucharz

Geben ist seliger als Nehmen. Als Sprichwort würde ich das durchgehen lassen. Die Apostelgeschichte aber behauptet, ‚Geben ist seliger als Nehmen‘ sei eine besondere Weisheit aus dem Munde des Jesus von Nazareth. Geben ist seliger als Nehmen... Ein Wort, das in nur einer Rede des Paulus erscheint und das so in keinem Evangelium steht. Und ganz ähnlich kann man es schon fünfhundert Jahre vor Christus bei dem griechischen Schriftsteller Thukydides lesen. Selbst wenn es ein Jesuswort wäre, hätte Jesus nur eine bekannte Weisheit zitiert. Als Jesuswort ist es weder original noch originell. Und außerdem stimmt es nicht, genau betrachtet. Jedenfalls ist das nicht so einfach.

 

Natürlich macht Geben selig. Alle Hilfsorganisationen bauen darauf, zu Recht. Zu geben, zu spenden erzeugt ein Glücksgefühl, das Bewusstsein, etwas Gutes zu tun. Zu geben tut wirklich gut; und insgesamt könnten noch mehr Menschen Gutes tun und sich so glücklich fühlen, glücklich sein dadurch. Und sind nicht auch die Bedürftigen glücklich, wenn sie Hilfe erhalten, wenn sie nehmen können, wo vorher nichts zu holen war? Ja. Aber das Sprichwort sagt ja nicht: Geben macht selig, sondern Geben macht seliger als Nehmen. Man beachte die Steigerungsform: seliger – nicht einfach selig, sondern seliger. Und darin kommt ein Oben und Unten zum Ausdruck, ein Gefälle. Es wertet die Aktion, das Geben, positiv und die Passion, das Empfangen, negativ.

 

Und das war bei Jesus eigentlich anders. Der Evangelist Markus erzählt: Als Jesus nach Jericho kommt und der blinde Bettler Bartimäus davon hört, schreit er ziemlich laut, dass Jesus zu ihm kommen solle. Die anderen um ihn herum wollen ihn zum Schweigen bringen, doch Bartimäus schreit nur noch lauter. Jesus hört ihn schließlich, bleibt stehen und lässt ihn zu sich rufen. Und dann tut er nicht irgendetwas, was bestimmt gut wäre für den Blinden, sondern er fragt ihn ausdrücklich: „Was willst Du, dass ich Dir tun soll?“ Und Bartimäus sagt, dass er gern sehen können würde. Und Jesus antwortet nicht: „Ich heile dich jetzt!“, sondern: „Geh hin, Dein Glaube hat Dir geholfen“…(Mk 10, 46ff) Jesu Verständnis für die Schwachen, seine Zuwendung zu Kranken und Bedürftigen, zeigen mir: Jesus suchte die Augenhöhe zu diesen Menschen und stellte sie her. Er gab ihnen vor allem ihre Selbstachtung wieder. Und das heißt für mich: Für ihn war Geben keinesfalls seliger als Nehmen.

 

Ich habe von einem Menschen, der fünfzig Jahre an multipler Sklerose litt und dreißig Jahre im Rollstuhl saß, sogar das Gegenteil gelernt: Nehmen ist seliger als Geben. Denn Nehmen, auf Hilfe angewiesen zu sein ist viel schwerer als zu geben. Sich eingestehen zu müssen, ich kann es nicht aus mir selbst, ich kann es gar nicht, ich brauche Hilfe: Das heißt ja immer auch: andere können es, andere sind besser, privilegierter, gesünder, was auch immer. Da ist ein schmerzliches Oben und Unten – der eine kann, der andere eben nicht. Deswegen muss, darf, kann und soll der eine geben und der andere nehmen.

 

Erst der Perspektivwechsel, die Begegnung auf Augenhöhe macht Geben selig. Gebende können sich das Gefälle klar machen und erkennen, dass sie ihr Glück auch nur bekommen. Und zwar von den Nehmenden. Ohne die Nehmenden hätten sie dieses Glück nicht. Sie empfangen es als „Lohn“ des Gebens. Sie selbst sind ebenfalls Empfangende und auf die Nehmenden angewiesen. Wer das beherzigt, begegnet seinem Nächsten auf Augenhöhe und erlebt viel eher gegenseitige Achtung. Das Gefälle ist nicht mehr bestimmend und es ist ein fröhliches und gegenseitiges Geben und Nehmen.

27.07.2016
Pfarrer Thomas Dörken-Kucharz