Gehört das Christentum zu Deutschland?

Kirchenmitgliedschaft und Glaube
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Zur Frage nach der Zugehörigkeit des Christentums zu Deutschland gehört der Eindruck, dass Religion immer mehr aus dem Alltag verschwindet. Das Institut für Demoskopie in Allensbach spricht von einer zunehmenden Entchristlichung der Gesellschaft. Bei seinen Umfragen ist das Institut auf einen eigenartigen Widerspruch gestoßen: Einerseits ist die überwiegende Mehrheit der Überzeugung, die christlichen Werte hätten unsere Lebensordnung grundsätzlich geprägt. Andererseits wüssten sie in ihrem Alltag aber kaum mehr etwas damit anzufangen. Die Entchristlichung ist nach Auffassung der Meinungsforscher nicht das Ergebnis einer bewussten Abkehr oder gar einer rationalen Entscheidung. Es handelt sich vielmehr um einen schleichenden Prozess, bei dem Traditionen verlorengehen und oft einfach das Wissen fehlt, das man braucht, um einen Zugang zum Glauben zu bekommen.

Als Argument für den Rückzug der Öffentlichkeit aus den religiösen Traditionen wird dabei häufig die Statistik bemüht: 36 Prozent der Bevölkerung in Deutschland, so heißt es, seien religionslos. Schon deshalb sei der Staat zur Neutralität verpflichtet. 36 Prozent, das klingt nach viel, immerhin rund ein Drittel der Bevölkerung. Aber das täuscht auch. Die statistische Angabe sagt nur aus, dass rund ein Drittel der Bevölkerung offiziell keiner Religionsgemeinschaft angehört.

Ob diese Menschen eine andere Religion haben oder zu einer Glaubensgemeinschaft außerhalb der großen Kirchen gehören, ist nur schwer zu erfassen. Mit Bestimmtheit kann also nur gesagt werden, dass 36 Prozent keine eingetragenen Mitlieder der evangelischen oder  katholischen Kirche sind. Ob diese 36 Prozent auch persönlich keinen Glauben haben, darf zu recht angezweifelt werden. Sie insgesamt als Atheisten darzustellen, wird diesen Menschen auf keinen Fall gerecht.

Als Gemeindepastor habe ich über Jahrzehnte erfahren, wie Menschen aus der Kirche ausgetreten sind. Nur selten haben sie dabei Glaubenszweifel geäußert. Der Kirchenaustritt ist nur in Ausnahmefällen das Ergebnis theologischer Überlegungen oder sogar dogmatischer Zweifel. In der Regel sind es finanzielle Überlegungen, die dazu führen, die Kirchenmitgliedschaft zumindest ruhen zu lassen. Zu oft habe ich den Satz gehört, dass man schließlich auch ohne Kirche an Gott glauben könne. Besonders deutlich wird das in den Gesprächen, wenn junge Paare sich in der Kirche trauen lassen wollen oder wenn Eltern ihre Kinder zur Taufe anmelden, obwohl sie vor Zeiten aus der Kirche ausgetreten sind. In diesen Gesprächen wird dann schnell deutlich, dass es vorübergehende finanzielle Engpässe waren, die sie einst zum Austritt bewogen haben, eine Entscheidung, die ja auch jederzeit rückgängig gemacht werden kann.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht möglich, alle Menschen gleich als religionslos zu bezeichnen, die offiziell keiner Kirche angehören. Und auch jene, die sich über die eine oder andere Entscheidung der Kirche geärgert haben und deshalb ausgetreten sind, werden dadurch nicht gleich zu Atheisten. Im Laufe meines Berufslebens bin ich deshalb zu der Überzeugung gekommen, die religiöse Statistik würde anders aussehen, wenn die Mitgliedschaft in der Kirche nicht an die Zahlung der Kirchensteuer gebunden wäre. Wenn es tatsächlich nur um Glaubensfragen ginge.

Die Frage, ob und in welchem Maße das Christentum zu Deutschland gehört, lässt sich nicht statistisch beantworten. Viel entscheidender sind dabei die Ideale, von denen sich Menschen leiten lassen. Eine Welt ganz ohne Spiritualität und Transzendenz bleibt für die meisten Menschen doch irgendwie unzureichend. Christlich formuliert: Eine Welt ganz ohne Gnade, Barmherzigkeit und Nächstenliebe,  halten die wenigsten Menschen für erstrebenswert. Gott sei Dank. Und ein guter Grund, die Geschichten aus der Bibel immer weiter zu erzählen.

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