Ich bin ich, und ich baue Brücken

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Es ist ein bisschen wie Kino in der Kirche, ungewohnt still für einen Schulgottes­dienst. Die Schülerinnen und Schüler der Ab­schlussklassen schauen und staunen. Staunen über sich selbst.

 

Auf eine Leinwand im Altarraum wirft der Beamer ihr eigenes Profil. Portraits erscheinen, kunstvolle Fotografien in schwarz-weiß. Bilder von Marco und Giuseppe, Cairon, Sinthuya, und sechs anderen. Zehn junge Menschen sind auf der Leinwand zu sehen, stellvertretend für alle – mit ihrem Foto und ein paar Worten. Das Thema im Schulgottesdienst: „Ich bin ich, und ich baue Brücken!“.

 

Die Vorbereitung beginnt mit einer Verständigung. Schüler, Lehrer und Direktor, sie hatten unterschiedli­che Vor­stellungen gehabt, über das Motto der Abschlussfeier. „Brü­cken bauen“ oder doch besser „ich bin ich“? Der Kompro­missvor­schlag der Schüler war beim Direktor durchgefallen. „Zu kompli­ziert“, hatte er gemeint. „Zwei Themen in einem Satz?“

Doch die Jugendlichen hatten sich durchgesetzt. „Ich bin ich, und ich baue Brücken“. Sie meinten eben: Genau dieser Satz sagt viel über sie selbst.

 

„Ich bin ich“, so buchstabieren Schüler „Identität“. Die Zwillinge Marco und Giuseppe haben sich in der Schulkü­che ver­abredet. Ihr Portrait soll sie beim Pizzabacken zeigen zwischen Edel­stahlgeräten. Sie jonglieren mit Hefeteig und Nudelholz. Und spielerisch leicht zugleich mit ihren italieni­schen Wurzeln in der deutschen Heimat.

 

Cairon liebt American Football. Seine Identität ist transatlantisch. Der Sohn einer Deutschen und eines GI verbrachte Teile seiner Kindheit in den Vereinig­ten Staaten. Zu Hause, sagt er, ist dort, wo er Freunde für seinen Sport findet. Zurzeit spielt er mit Rus­sen, Syrern und Afghanen. Zum Fototermin erscheint Cairon mit Helm und dicken Protektoren.

 

Das dritte Foto zeigt Sinthuya. Vor 25 Jahren flohen Sinthuyas Eltern aus Sri Lanka. Sie ist hier ge­boren, kennt kein anderes Zuhause. Sinthuya hat sich in ihrem Zimmer portraitieren lassen. Langes traditio­nelles Gewand, die Digitalka­mera in der Hand. Sinthuya versteht es wie keine andere, das „Ich“ in Gesichtern zum Leben zu erwe­cken. Viele der Portraitfotos im Abschlussgottesdienst stammen von ihr.

 

Der Gottesdienst nimmt seinen Lauf. Und mit jedem Portrait, mit jeder Lebensgeschichte wird deutlicher: Diese Jugendlichen ha­ben ein gemeinsames Lebensgefühl. Sie sind eine Gemeinschaft. Die Brücken, die sie jeden Tag aufs Neue bauen, sie stehen in die­sem Schulgottesdienst als Realität im Kirchraum. Die Jugendlichen haben sich verstän­digt, gerade weil sie so sind, wie sie sind.

 

Denn Identität und Verständigung gehören zusammen. Der Ham­burger Religi­onspädagoge An­dreas Gloy sagt: „Besser noch hieße es Identität durch Ver­ständigung.“

 

Wer wir sind, was uns ausmacht – das ist nicht statisch, ist keine Fes­tung, auf der wir uns mit hochgezogener Brü­cke ein­ige­ln. Identität ist kein Kampfbegriff im Streit um das richtige Leben, den rechten Glau­ben. Vielmehr entsteht und wächst Identität mit jeder Be­gegnung, mit jeder Brücke, die wir zum Nächsten schla­gen. Es gibt kein ‚Ich‘ ohne ein ‚Du‘.

 

Auch die Bibel erzählt von Menschen, die ihr „Ich bin ich“ erst dort finden, wo sie zum anderen Brücken schlagen. Ich denke an Jakob, der erst dort zu Israel wird, wo er das Wiedersehen mit sei­nem Bru­der wagt. Jenem Bruder, den er einst betrog. Ich denke an den Samariter im Jesus-Gleichnis, der dem Unter-die-Räuber-Gefalle­nen zum Nächs­ten wird. Ich denke an Petrus, wie er in der Begeg­nung mit dem heidnischen Hauptmann Kor­nelius die Gren­zen seines Glaubens weitet.

 

Ganz unterschiedliche Zeugen, ein jeder für sich, so wie Marco, Sinthuya und die anderen, die am Ende des Schulgottesdienstes noch etwas Überraschendes erfahren: Sie sind allesamt im gleichen Krankenhaus geboren.

 

In diesen Wochen beginnt ein neues Schuljahr. Ein neuer Start für die Brücken­bauer, auch für mich als Schulpfarrer. Schule ist so viel mehr als Unterricht. Sie erzählt vom Leben im Kleinen, manchmal im Modell zum Aus­probieren, manchmal mit Ideen, von denen wir Erwachsenen noch lernen können. Ich freu‘ mich drauf.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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