Nichts zu verstecken

Morgenandacht

Matthew Henry / Unsplash

Nichts zu verstecken
04.09.2021 - 06:35
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Datenschützer werden hierzulande so manches Mal belächelt. Sie scheinen ihre Aufgabe allzu ernst zu nehmen. Im Prinzip hält man es ja schon für gut, dass es sie gibt, aber all die Verordnungen nerven. Und wer öfters mit der DSGVO, der Datenschutzgrundverordnung, zu tun hat, stimmt leicht in dieses Lied ein. Datenschützer scheinen schützen zu wollen, was Menschen an anderer Stelle sowieso freiwillig gern teilen.

 

So einfach ist es aber nicht. Die Privatsphäre und mit ihr der Datenschutz sind ein Urbedürfnis der Menschen, auch wenn sie sich dessen oft nicht bewusst sind. Im virtuellen Raum hinterlassen Menschen überall Spuren, mit allem was sie tun. Und sie wissen oft nicht wie viel. Und sie wissen schon gar nicht, was mit ihren Daten passiert. „Ich habe ja nichts zu verbergen“, lautet manches Mal die Antwort, mit der man sich beruhigt. Und oft genug ist das auch das Argument derer, die an die Daten heranwollen. Wer etwas zu verbergen hat, gilt tendenziell als kriminell.

 

Die Urgeschichte in der Bibel erzählt etwas anderes: Datenschutz hat tatsächlich viel mit Adam und Eva zu tun. Gott machte ihnen Röcke von Fellen, Adam und Eva hatten nur Schurze aus Feigenblättern. Wir laufen in der Öffentlichkeit nicht unbekleidet herum. Wir schließen auch die Tür zum Bad oder zur Toilette. Und wenn ich Tagebuch schreibe, will ich nicht, dass das jemand einfach liest. Denn da bin ich tastend unterwegs, ungeschützt und angreifbar. Kurz: Wir haben etwas zu verbergen. Jede und jeder!

 

Durch die ganze Christentumsgeschichte zieht sich ein Missverständnis: Adam und Eva haben in der Paradieserzählung erst etwas zu verbergen, als sie etwas Verbotenes getan haben. Sie sollten nämlich nicht vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen essen. Sie essen aber doch vom verbotenen Baum und dann passiert folgendes:

 

Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten sich Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN zwischen den Bäumen im Garten. 1. Mose 3,7+8

 

Adam und Eva versteckten sich, weil sie nackt waren und sich schämten. Man kann die Paradiesgeschichte natürlich für eine naive Erzählung halten, die wissenschaftlicher Erkenntnis über die Evolution nicht Stand hält. Darum geht es aber gar nicht. Es geht darum, dass sich die Menschen schon vor knapp 3000 Jahren fragten, wie sie entstanden sind und warum die Welt so ist, wie sie ist und nicht so schön wie sie eigentlich sein könnte. Das Christentum hat dann aus diesem Vorgang verlorener Unschuld und plötzlicher Scham die Erbsündenlehre gefolgert. Wer also etwas zu verbergen hat, der oder die ist sündig, ist schuldig. Dabei geht es in der Erzählung selbst gar nicht um Schuld im moralischen Sinn. Es geht nicht um das Sündig-, sondern um das Mündigwerden! Und das meint auch den Wunsch nach einem Versteck, mit dem Adam und Eva auf die Erkenntnis ihrer Nacktheit reagieren.

 

Jede und jeder sind Adam und Eva. Mit der Erkenntnis von Gut und Böse sind die Pubertät und das Erwachsenwerden gemeint. Die Schöpfungsgeschichte erzählt uns im Bild, dass wir nicht mehr zurückkönnen. Das Paradies ist verschlossen, die kindliche Unschuld verloren.

 

Wir können Gut und Böse unterscheiden. Wir sind verantwortlich. Und Scham gehört zu uns, seit wir keine Kinder mehr sind. Die Scham auszutreiben, bringt das Paradies auch nicht zurück, sondern macht alles noch schlimmer und alle noch unglücklicher. Das muss man den Datenverwertern vorhalten, die uns so nackt und gläsern wie möglich machen wollen. Sie versprechen uns das Heil, wenn sie alle unsere Daten miteinander vernetzen dürfen. Denn sie können aus Datenstroh Gold spinnen. Das ist ihr Verspechen. Diese virtuellen Spinnräder, die aus Daten Gold machen können, sind Algorithmen.

 

Ja, Algorithmen können das Leben erleichtern und helfen an vielen Stellen. Uns ihnen und denen, die mit ihnen sehr gut verdienen, ganz auszuliefern, wird uns aber zerstören. Deshalb ist Datenschutz ein so hohes Gut.

 

Es gilt das gesprochene Wort.