Umgang mit Zöllnern und Sündern

Morgenandacht
Umgang mit Zöllnern und Sündern
26.06.2021 - 06:35
Sendung zum Nachhören

Die Sendung zum Nachlesen: 

Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht.“

(1 Joh 4, 20)

 

Die Forderung, die hier im Neuen Testament aufgestellt wird, ist wirklich radikal. Solche Sätze klingen im ersten Moment einfach gut. Wenn sie aber genauer bedacht werden, gibt sich zu erkennen, wie groß die darin enthaltene Zumutung ist.

Wie groß diese Zumutung sein kann, entdeckte ich beim Ratschlag einer Psychologin. Ein Leser hatte sich an die Ratgeber-Seite einer christlichen Zeitschrift gewandt: ‚Ist es in Ordnung, meinem Bekannten die Einladung auszuschlagen, weil dieser mit der AfD sympathisiert?‘ Nach einigen abwägenden Gedanken kam die Psychologin zu dem Urteil, das sei schon möglich und sogar sinnvoll. Sie meinte, nur so könnten die menschenverachtenden Aussagen und Ansichten dieser Partei zurückgedrängt werden, bevor sie salonfähig würden. Durch die Zurückweisung einer Einladung könne der Ratsuchende seinen eigenen Standpunkt herausstellen und Position beziehen.

Nun hege ich selbst keine besondere Sympathie für diese Partei und bin auch der Meinung, dass viele der dort zusammengetragenen Ansichten nicht mit meiner christlichen Haltung in Einklang zu bringen sind. Und dennoch hat mich der Leserbrief beziehungsweise der Rat der Psychologin stutzig gemacht.

 

Ich stelle mir Jesus vor, wie er dem Zöllner in Kapernaum den Besuch abschlägt, weil es nicht zumutbar ist, zusammen mit ihm gesehen zu werden. Oder wie Jesus die Sünderin am Brunnen abweist, mit der Begründung, ihr Verhalten könne womöglich durch den Kontakt mit ihm salonfähig werden. Ich überlege mir wie Jesus sich weigert mit den Pharisäern zu reden, weil ihm ihre Haltung menschenverachtend erscheint. Weil er nichts mit ihnen zu tun haben und schon gar nicht als einer der ihren gelten wollte. Unter diesen Voraussetzungen machen die meisten Texte aus dem Neuen Testament keinen Sinn mehr. Sie verlieren ihre Aussagekraft, die ja gerade darin liegt, die eigene Weltsicht in Frage zu stellen und möglicherweise zu ändern.

Die Feststellung aus dem Johannesbrief ist radikal: „Wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht.“ Das ist mehr als eine Variante des bekannten Gebotes zur Feindesliebe. Hier kommt noch ein anderer Gedanke zum Tragen, und der ist nicht belanglos: Hier wird nicht bloß eine Forderung aufgestellt, die einfach diktiert, wie du sein sollst, was du zu tun und zu unterlassen hast. Hier wird nicht vorgeschrieben, sondern treffsicher argumentiert. Der Schreiber der Zeilen geht nämlich davon aus: Das, was man vor Augen hat und sieht, lässt sich nicht weniger schätzen als das, was man nicht sehen kann. Man muss nicht gleich von Liebe sprechen, etwas alltagstauglicher kann man von Respekt ausgehen oder von Achtung: Wie kannst du dem Respekt entgegenbringen, was du nicht siehst, was in weiter Ferne ist, aber zugleich jene Menschen nicht achten, die vor dir stehen, die um dich herum leben? Wie kannst du an Nächstenliebe, Vergebung und die Wirkung der Buße glauben, wenn du schon vor einer Einladung zurückschreckst? Selbst dann, wenn sie von jemandem ausgesprochen wird, der andere Ansichten teilt.

 

Am Ende dieser Gedanken bin ich mir noch nicht sicher, was ich selbst dem Schreiber des Leserbriefs geantwortet hätte. Wahrscheinlich hätte ich ihm empfohlen, auf sein Gefühl zu achten. Und die Geschichten im Neuen Testament nachzulesen. Die Einladung von Zöllnern, Sündern und Pharisäern anzunehmen, das kann zu fruchtbaren Gesprächen führen. Und genau damit hat Jesus seine Position bezogen. Das ist jedenfalls den Geschichten der Evangelien zu entnehmen.

Es gilt das gesprochene Wort.